V2O Makes the World Go Round

Lehrertagungen in Indien haben ein wenig etwas von Klassenfahrt. Während der Veranstaltungen und Seminare tagsüber sind alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in feine Kleider und Hemden gezwängt. Sie wollen gefallen, unterhalten sich über die neuesten Lehrmethoden, nehmen energisch an Quizrunden teil und geben sich weltmännisch. Doch sobald der Vorhang fällt, sobald die Veranstaltung am Abend beendet ist, trifft man sich zum gemeinsamen Bier und dem einen oder anderen Schnäpschen in den Hotelzimmern oder auf den Straßen Delhis. Diesmal durfte ich Teil dieser besonderen Stimmung werden. Nach Ende der Veranstaltung am Sonntag ging es sogleich mit einem der Lehrer als Fahrer und Matthias, dem österreichischen Praktikanten am Max-Mueller-Bhavan, durch den Straßendschungel der indischen Metropole - mit sehr guter musikalischer Untermalung. 

Ohne einen konkreten Plan fuhren wir durch die Straßen und luden nach einiger Zeit und einem ersten hinduistischen Tempelbesuch einen guten Freund unseres Fahrers ein und machten schließlich halt an einem weiteren Tempel. Diesen, wie im übrigen alle Tempel in Indien, durfte man lediglich mit nackten und zuvor gewaschenen Füßen betreten. Zwar erschien das "waschende" Wasser nicht unbedingt so, als könne es tatsächlich noch etwas reinigen, doch sei's drum', wenn die Götter das von den irdischen Geschöpfen verlangten, sollte man sie nicht erzürnen und ihrem Wunsch Folge leisten. Ohne genauer Bescheid zu wissen, welche Gottheit nun genau welche Fähigkeiten und Aufgaben besaß (zugegeben, man fühlt sich beim Anblick der Gestalten etwas an mythologische Wesen der Antike erinnert), sahen wir uns schon bald - mit einem Bindi markiert (dieser rote Punkt auf unserer Stirn - das energetische dritte Auge) - innerhalb der Tempelmauern stehen und versuchten möglichst unauffällig alle Gebetsgestiken unserer Begleiter nachzuahmen - mit kläglichem Erfolg.

Nach so viel Dank, den wir den Göttern entgegengebracht hatten, beschenkten wir uns mit reichlich V2O - einem Getränk, es sollte wohl Vodka sein, welches sicherlich von den Göttern mit Verachtung gestraft worden wäre. Und da waren wir schließlich: Im Auto sitzend, Becher vom Liquor Shop, eine Mischung aus V2O und Limca (eine von Coca-Cola hergestellte Limetten-Zitronenlimonade - nicht zu empfehlen!) darin und sinnierten über das Leben, deutsche bedeutende Politiker (man kann sich vorstellen um wen es sich handelte) und hörten Musik. Es war eine Mischung aus Bollywood, Panjabi MC, Bobby McFerrin und Haftbefehl - offensichtlich konnte sich jeder Mensch mit Musik- und Alkoholgeschmack nur überaus wohlfühlen. Den Höhepunkt setzte schließlich ein "Germany"-Fan, der durch die Dunkelheit Delhi's schlich und mit dem nachfolgendes Foto entstand. In diesem Moment fühlte ich mich willkommen geheißen, in einer Stadt, in der in jeder noch so kleinen Zelle das Prinzip Unity in Diversity lebt - wenn auch mit zum Teil katastrophalen Lebensbedingungen für eine Vielzahl seiner Bürger verbunden. 

 


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