Basteln, Monsun, indische Hausparty - einmal bunte Tüte

Die letzten Tage waren eine pralle Mischung aus Kreativität, Naturgewalt und alternativen Entspannungsmethoden. Erstere war insbesondere in der Schule vonnöten - hier hat man sich herausgeputzt, um das Jubiläum, nämlich das 60-jährige Bestehen, das sogenannte Diamond Jubilee, festlich zu begehen. Während sich Schulen in Deutschland für solche Anlässe zumeist ein eher klassisches Programm überlegen, wie ein Auftritt der Schulband oder des Orchesters und dazu die über die Jahre perfektionierten Reden aus der Politik und von der Schulleitung, sind indische Schulen in der Vorbereitung auf den großen Tag nahezu eine Woche in den Ausnahmezustand versetzt. Bis es am Freitag letzter Woche dann zur großen festlichen Zusammenkunft kam, mussten zunächst umfassende Vorkehrungen dafür getroffen werden. Sämtliche Schüler waren eingespannt und haben ihren Beitrag dazu geleistet - für das deutsche Seminar unter tatkräftiger Mithilfe von Sir Toby. Während sich bei mir die Frage aufdrängte "Öh, wie sieht das denn eigentlich mit Unterricht aus?", waren die kleinen und großen Deutschlerner bereits emsig damit beschäftigt die zwei zum deutschen Seminar gehörigen Stellwände zu dekorieren. Dazu wurden Styroporwürfel ausgesägt, darauf die ausgedruckten und fein ausgeschnittenen Denkmäler Berlins festgeklebt, Papierstreifen in schwarz, rot und gelb organisiert und die Werke, die über die Sommerferien angefertigt wurden - unter anderem ein großer Familienstammbaum mit darauf befindlichen, grün kolorierten Maccheroni - auf den Stellwänden befestigt. Das klingt jetzt alles relativ befremdlich und man fragt sich "Wozu das Alles?", doch ergab sich am Ende eine wundervolle Ausstellung, die Schüler haben jahrgangsübergreifend toll zusammengearbeitet und selbst Sir Toby - immer wieder bezüglich des Kunstwerks mit Fragen gelöchert - konnte sich der Ästhetik des Ergebnisses nicht entziehen.

Als zweite Kleinigkeit der bunten Tüte ist das Monsunwetter zu nennen, welches ganz bedeutend die Zeitplanung des Tages bestimmt. Wenn es nicht regnet funktioniert die indische Infrastruktur - insbesondere die Straßenverkehrssysteme - gemessen an ihren eigenen Standards - relativ reibungslos, von Staus, Kühen auf den Straßen und liegengebliebenen Motorrikshas und Fahrradfahrern auf den Highways einmal abgesehen. Schüttet es allerdings aus vollen Kübeln lernt man den Charme einer Großstadt kennen, in der auf den Straßen nichts mehr funktioniert. Ganz besonders zeigt sich dies in Gurgaon, ein zur Metropolregion Delhi zugehöriger Stadtteil. Dort stehen seit mehreren Tagen Menschen immer wieder unzählige Stunden - meine Kollegen berichten mir von bis zu 10 Stunden - im Stau. Man lebt also ganz mit dem Rhythmus der Natur im Einklang - so wie es der Hinduismus vorgibt. Eines ist allerdings immer gleich und stört die Harmonie: Die Autohupen verstummen nicht.

Die dritte Beigabe zur bunten Tüte sind die Entspannungsmethoden. Wer hierbei zunächst an Yoga, Meditation oder Selbstmassagen denkt, den muss ich noch etwas auf die kommenden Wochen vertrösten. Obwohl ich bereits meine Fühler in Richtung geeigneter Yoga-Einrichtungen ausgestreckt habe, ist es bislang beim Versuch geblieben. Die Alternative zu den klassischen Entspannungshilfen und somit mein momentan gewähltes Mittel, um dem Moloch der Stadt zu entfliehen, ist bislang eine Komposition aus Kingfisher (dem indischen Bier - zwischen 3,5 und 5% Alkohol wie das Etikett sagt), guter Musik (zumeist indische Kassenschlager) und netten Menschen. Am Freitagabend durfte ich einer richtig ausgewachsenen Hausparty beiwohnen, die allen diesen Kriterien gerecht wurde. Bis spät in die Morgenstunden tanzten, lachten und unterhielten wir uns bei einem guten Freund einer Kollegin des Goethe Instituts. Und was soll man sagen: Die Inder verstehen was vom Feiern - auch ohne Hochzeit.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0