Delhi - eine Stadt voller Gegensätze und Überraschungen

Dass Menschen Delhi auf ihren Reisen freiwillig besuchen würden, war mir vor meiner Ankunft vor anderthalb Monaten noch ein Rätsel. Zugegeben, ich habe mich höchstpersönlich auf das Land und die Stadt beworben, doch wollte ich mich vielmehr in ein kulturelles und persönliches Großstadtabenteuer stürzen, als Genuss durch meinen Praktikumsort zu verspüren. Daher hatten mich auch viele Freunde und Bekannte vor meiner Abreise mit fragenden Blicken angeguckt und mir dann mit auf den Weg gegeben: "Indien ist sicherlich ein tolles Land. Aber Delhi - das muss ja nicht unbedingt sein." Mittlerweile hat sich dieser durch die westliche Berichterstattung überaus voreingenommene Eindruck bedeutend gewandelt - was insbesondere dem phantastischen menschlichen Umfeld, der guten Infrastruktur mit einem internationalen Flughafen und einem funktionierenden Metro System und den phantastischen Denkmälern zuzurechnen ist (die Bilder-Galerie zeigt den Besuch des Lotus Tempel der Bahai-Religion). Nichtsdestotrotz ist die Stadt überaus laut (die Honks-per-Minute-Rate liegt kontinuierlich bei 60 bis 80), stickig (die Luftqualität ist mit Abstand die schlechteste der Welt - selbst an sehr guten Tagen ein vielfaches des deutschen Maximalwertes) und überwältigend groß (nach vielfacher Rücksprache mit meinen Kollegen und Schülern kann mir niemand eine genaue Einwohnerzahl nennen - die Größen schwanken zwischen 15 und 22 Millionen Bewohnern).

Dass dann doch einige Menschen aus Deutschland hinter die Fassade des europäischen Delhi-Bildes blicken, offenbarte mir vor einigen Wochen der Facebook-Post einer Freundin, die Ende August für einige Tage Indien, insbesondere Delhi, bereisen wollte und noch nach geeigneter Unterkunft - möglichst bei einem bekannten Gesicht - suchte. Kurzerhand meldete ich mich bei ihr und bot ihr nach Rücksprache mit meinem Vermieter an, sie in einem seiner Appartements unterzubringen. Zu meinem Glück hatten am Tag von Becky's Abflug noch ein paar Köstlichkeiten aus Deutschland den Weg in ihre Reisetasche gefunden - darunter waren Gin, Gummibärchen und der für mich fast lebenswichtige Nuss-Nougat-Aufstrich, dessen Artikel (der, die oder das) mir bis zum heutigen Tag unbekannt ist - ein Stückchen Heimat in Indien.

Am Samstagabend ging es dann sogleich nach ihrer Ankunft gemeinsam mit Matthias in den Straßendschungel von Chandni Chowk, Old Delhi. Hier ist uns unmittelbar die volle Breitseite Delhi entgegengeweht - nämlich ein Taxifahrer, der wieder einmal keine Ahnung von Routenplanung hatte und die wunderbare Wandlung einer beidseitig befahrenen Straße zu einer Einbahnstraße. Zur Abrundung der Delhi-Experience befanden wir uns in der "falschen" Fahrtrichtung, sodass wir uns schließlich dafür entschieden, die restlichen 500 Meter zu Fuß zu laufen, was bei der Hitze und dem Gedränge gar nicht mal die schnellste Angelegenheit war.

Unser Ziel war das 5-Sterne-Hotel Heritage Haveli Dharampura, welches uns inmitten der Hitze und der unfassbar schlechten Luft, angereichert durch die Abgase und den Lärm von unzähligen Autos, einen Ort der Ruhe und der kulinarischen Genüsse bieten sollte. Insbesondere die typisch nordindische Küche des Hotels hatte unsere Aufmerksamkeit geweckt und die Tatsache, dass es inmitten des Treibens von Old-Delhi einen solchen Ort überhaupt gibt. Als wir durch die engen Gassen (circa 2,50 m breit) des dicht bevölkerten Stadtteils gingen, hatten wir reichlich Probleme damit, uns einen Ort vorzustellen, der auch nur im Ansatz 5-Sterne besitzen könnte. Bettelnde Kinder, halb verhungerte Frauen und Männer, ausgemergelte Hunde und Katzen säumten den Weg bis zum Eingang des Hotels. Dahinter erstrahlte plötzlich ein Ort voller Pracht und eine Oase der Erholung und Entspannung. Zwar war das Essen der angeblichen Sterneküche weitaus weniger ansprechend als zuvor angenommen, doch konnte das Ambiente des Ortes mühelos darüber hinweg trösten. Wieder einmal wurde Indien zu einem Ort, welcher Unity in Diversity in allen Lebenslagen bot. Hier die leidenden Menschen, dort Prunk und Protz. Es ist immer wieder eine Herausforderung, diese Kontraste im Lebensalltag anzunehmen. So fühlte man sich beim Betreten des Hotels sehr an Harry Potter's Winkelgasse erinnert, zu der nur ein einzelner Stein im Hinterhof der etwas schrägen Kneipe "Zum tropfenden Kessel" den Zugang bietet. Matthias, Becky und ich haben diesen Stein am vergangenen Samstag gefunden, für die große Masse der indischen Bevölkerung gilt dieses Privileg zumeist nicht. Schön ist aber dennoch zu sehen, dass ein Großteil der Menschen auch mit sehr wenig äußerst zufrieden ist. Eine wichtige Botschaft, die ich für mich aus Delhi definitiv mitnehmen werde. Danke.

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