Slumdog Millionaire

The difference between what we do and what we are capable of doing would suffice to solve most of the world's problems.

                                                                                                                                                                                                 Mahatma Gandhi

 

Es gibt viele Erfahrungen, die ein jeder von uns tagein tagaus macht. Manchmal sind es persönlich bedeutsame Erlebnisse, manchmal unbedeutende. Am Tagesende berichtet man dann zumeist seinen liebsten Mitmenschen von den Ereignissen oder verarbeitet das Erlebte über Nacht im Traum. Wenn dann allerdings unbekannte und neue Situationen die gewohnten Mechanismen der Verarbeitung am Abend und über Nacht außer Kraft setzen, sind wir zunächst überfordert und wissen diese kaum einzuordnen. So geht es mir seit nun mittlerweile zwei Tagen und daher habe ich mich nun dazu entschlossen, das Erlebte in Schriftform festzuhalten.

 

Am Montag dieser Woche entschied ich mich mit Matthias dazu, den Slum der Kathputli Colony in Delhi zu besuchen. Im Vorfeld hatten wir uns bereits im Internet informiert und so erfahren, dass in diesem Slum auch sogenannte „Slumwalks“ angeboten werden. Entsetzt von der Vorstellung, die Heimat von circa 2800 Familien in einer Runde von Touristen zu betreten, entschieden wir uns dazu, die Gegend auf eigene Faust zu erkunden. Insgesamt 40 Fahrminuten vergingen auf unserer Fahrt vom Connaught Place, der Prachteinkaufsmeile der indischen Hauptstadt mit Rolex, Armani und Starbucks, bis zum Slum der Kathputlis, die ursprünglichen Bewohner einer Region in Rajasthan, die insbesondere für ihre vielen Kleinkünstler, wie Zauberer, Puppenspieler und Stelzenläufer bekannt ist. Bereits auf dem Weg dorthin wurde ich auf die Symbolik der leicht abschüssigen Straße aufmerksam – wir fuhren von der schillernden Touristenwelt Delhis in die Realität eines Großteils der Bewohner. Es ging für uns dorthin, wo sich nur wenige Touristen hinbegeben, nämlich nach ganz unten.

 

Bei unserer Ankunft stellte der Ort die Hölle auf Erden dar. Der Gestank von menschlichen und tierlichen Exkrementen, Verwesung, Abfall und Fäulnis waberte uns entgegen und die Fliegen, die durch die vor uns liegende enge Gasse des Slums schwirrten, machten bereits deutlich, wie prekär die Lebensbedingungen für die darin lebenden Familien sein müssen. Neben dem halbwegs asphaltierten und von kleinen, heruntergekommenen Steinhütten gesäumten Weg befand sich eine Müllhalde, in der sich Menschen langsam fortbewegten – auf der Suche nach essbaren Resten und verwertbarem Müll. Schritt für Schritt ließen Matthias und ich die schillernde Welt Delhis hinter uns und erblickten und erfühlten den Lebensalltag der ärmsten der Armen. Wir sahen unzählige Kinder, die auf dem harten Untergrund halbnackt Karten spielten oder ihr Geschäft verrichteten, Jugendliche, die rauchend auf dem Gehweg herumsaßen und Menschen, die fragend aus ihren Hütten auf uns, die weißen Besucher, blickten. Zunächst konnte ich mich einem starken Unwohlgefühl nicht erwehren. Insbesondere die Abwasserkanäle, die entlang des Weges führten, schnürten einem die Kehle zu. Ausscheidungen, Essensreste und Müll vermengten sich darin zu einem nur langsam dahinfließenden Strom. Überall hingen Stromkabel, welche die Bewohner entlang der Häuser und über die enge Gasse hinweg gespannt hatten.

 

Entgegen all dieser negativen Beschreibungen, waren die zwei Stunden, welche ich im Slum verbringen konnte, die für mich wertvollsten, die ich in meinem bisherigen Leben erleben durfte. Obwohl die Lebensrealität der Menschen vollkommen unmenschlich ist, begrüßte man uns allerorts mit einer unglaublichen Herzlichkeit, die mir noch lange Zeit eine Gänsehaut auf der Haut und Tränen in den Augen bescheren wird. Die Menschen, jung und alt, groß und klein liefen freudestrahlend auf uns zu und grüßten mit einem begeisterten „Hello“ oder „Namaste“. Fragen wie „Your name is?“ und „Where you from?“ prasselten nur so auf uns ein. Wir schüttelten unzählige Hände, nahmen kleine Mädchen und Jungen an die Hand und zauberten ein Lächeln in ihre und in unsere Gesichter. Je tiefer wir in den Slum vordrängten, desto mehr Menschen kamen auf uns zu und man begegnete, trotz aller Gräuel der Lebenswelt des Slums, ehrlicher, ungeschönter und unglaublich liebevoller Herzlichkeit. Niemand fragte uns nach Geld, wie sonst an fast jeder Ecke in Delhi, keiner versuchte irgendetwas zu verkaufen – die Menschen hießen uns einfach willkommen und nahmen uns ohne Argwohn in ihren Kreis auf. Schon bald befanden wir uns im „Wohnzimmer“ eines weltberühmten Puppenspielers, welcher bereits Frankreich, Deutschland und Afrika mit seinen Puppen bereist hatte und wurden Teil einer kleinen privaten Aufführung, welche er uns gemeinsam mit seinen Kindern zu Teil werden ließ. Begeistert klatschten wir im Rhythmus der indischen Trommel (Tabla) und sahen ehrliche Begeisterung in den Augen der vielen Kinder unseres Gastgebers. Bald danach trafen wir auf Jerry Singhwal, welcher im Slum großgeworden ist und uns nach einem kurzen Gespräch eine Führung durch seine Heimat anbot. Jerry, 19 Jahre alt und Überlebenskünstler wie alle im Slum, führte uns in den nächsten anderthalb Stunden in die Tiefenstrukturen des Slums ein. Das oberflächlich betrachtete Chaos des Slums gewann so Stück für Stück an Struktur. Die einzelnen Viertel waren allesamt nach Herkunftsort, Berufen und Religionen unterteilt. Dort waren die Künstler Rajasthans, hier die Handwerker, Müllsammler und Bastler, dort die Sikhs, Moslems und Hindus. Immer wieder trafen wir auf neue Menschen, die sich begeistert mit uns unterhielten – Jerry als Übersetzer an unserer Seite.

Inmitten von einer Wüste aus Dreck, Schutt und Asche, neben den Bahngleisen gelegen, welche von den Menschen als Toilette genutzt wurden, erstrahlte plötzlich ein Hindu-Tempel für Lord Ganesha (den Elefantengott). Wir wurden von den vielen Menschen um uns herum freundlich gebeten, dem vielarmigen Menschenelefanten die entsprechende Ehre zu erweisen und uns betend und barfüßig vor ihm hinzuknien. Selbstverständlich kamen wir dieser Bitte nach, beteten wie uns geheißen und begeisterten so die herbeigeeilten Menschenmassen. Zum Schluss unserer Führung durch das Labyrinth des Slums kletterten wir noch auf ein Häuserdach und waren inmitten von herzallerlieben Kindern und Jugendlichen die Selfie-Könige des Slums. Plötzlich waren wir nicht mehr – wie zuvor angenommen – ganz unten. Wir waren mit den uns umgebenden Menschen gefühlt höher als die höchsten Dächer der Stadt.

 

Hier wurde uns wieder einmal bewusst, worauf es im Leben eigentlich ankommt und wie häufig wir uns in unserer Gesellschaft dieses Juwel durch kleine Alltagsprobleme nehmen lassen. Die Menschen, die wir hier getroffen und die oberflächlich gesehen nichts außer ihrer nackten Haut und einigen Wänden haben, haben trotz alledem das gefunden, wonach so viele Menschen weltweit suchen: Glück – in rauen Mengen. Ein wahrlich inspirierender wenn auch sehr nachdenklich stimmender Aufenthalt. Danke Delhi. Wieder einmal hast du eine neue Buchseite deines unendlich langen Buches für mich aufgeschlagen.

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Marcel Rönpagel (Mittwoch, 07 September 2016 21:27)

    Bombastisch geschrieben Trutzi !! Dir noch viel mehr solcher Erfahrungen in deiner Zeit in Indien!

  • #2

    Chef Su (Donnerstag, 08 September 2016 03:01)

    Wirklich Hut ab mein Lieber! Freue für mich dass es da unten anscheinend ganz gut läuft und dass es dir gut geht! und bitte denke immer daran:
    Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.