Indische Hochzeit

Die indische Hochzeitsindustrie mit ca. 40 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr, ist ein bedeutsamer Wirtschaftszweig in Indien. Die Brauteltern geben oft Millionen für die Hochzeit ihrer Tochter aus und nicht selten verschulden sie sich dabei auch. Auch werden in der Regel ca. 2000 Personen eingeladen - Verwandte, Freunde, Bekannte und Kollegen. Das Thema Hochzeit ist ganz besonders wichtig im Alltag.

Hier noch ein paar Fakten zu indischen Hochzeiten:

- mindestens die Hälfte der Hochzeiten ist immer noch arrangiert oder zumindest halb-arrangiert (die Eltern schlagen                   mögliche Partner vor und die Tochter / der Sohn können nach einem Kennenlernen entscheiden, ob sie diese Person                    heiraten wollen)

- Vermittlung und Matching auch durch die Tempel – spezielles Formular (siehe Bilder)

- finanzielle Situation, richtige Kaste, passendes Horoskops ist dabei sehr entscheidend

- es kommt immer wieder vor, dass die Hochzeit abgesagt oder auch die Braut umgebracht wird weil die Brauteltern                        nicht genügend finanzielle Mittel aufbringen (z.B. Auto) wie ausgemacht wurde

- Hochzeitstag wird durch Horoskop bestimmt

- Heiratsalter meist Anfang / Mitte 20

- 3-5 Tage Hochzeitsfeier mit vielen Empfängen

- Empfänge vor dem wirklichen Hochzeitstag sind getrennt und das Brautpaar sieht sich erst am Hochzeitstag selber (nach Tradition darf sich das Brautpaar 11 Tage lang davor nicht sehen)

- Jahrestag der Hochzeit wird oft genauso gefeiert wie Geburtstag

- Scheidungsrate steigt, da Frauen immer mehr ein unabhängiges Einkommen haben

- Gastfamilie schiebt die steigende Scheidungsrate allerdings auf die zunehmenden Liebesheiraten (Liebe ist nie                              für ewig, deswegen sind nur arrangierte Hochzeiten das Wahre)

- bis zur Hochzeit lebt die Braut bei ihren Eltern

- nach der Hochzeit zieht sie in der Regel in die Wohnung der Schwiegereltern

- Frage, ob es eine arrangierte Hochzeit oder Liebeshochzeit ist / war, kann ohne weiteres immer gestellt werden (normale Frage!)

 

Noch 2 anschauliche Beispiele für arrangierte Hochzeiten:

 

-           Schulleiterin lädt verschiedene Lehrerinnen darunter auch mehrere Jüngere zur Card    Party (typisch vor dem Diwali Fest) ein und schaut wie diese privat so sind, da ihr Neffe in Europa (mit sehr guter finanzieller Situation) eine indische Frau heiraten möchte. Ihm ist dabei egal welche, für ihn ist jede genauso recht. 2 Lehrerinnen lehnen ab, die Dritte stimmt der Heirat zu. Ich glaube allerdings, dass die sich noch nicht einmal live gesehen   haben...

 

-           25 jähriger Architekt hat studiert und hatte eine gute Schulbildung. Er hatte eine  Freundin und bevor er seine Eltern von ihr überzeugen konnte, wurde sie schon  verheiratet. Er setzte dann seinen Fokus auf seine Karriere und seine Eltern suchten für ihn eine Frau aus und erheiratete, seinen Eltern zur Liebe, diese Frau. Glücklich ist er  damit allerdings nicht und er meinte mit Kindern mag er auf jeden Fall noch warten, bis er sein eigenes Business aufgebaut hat. Er meinte auch er fügt sich dem System seinen   Eltern zur Liebe, aber hätte gerne das europäische System (d.h. erst Karriere und dann Liebesheirat).

 

Ich wurde auch auf eine Hochzeit eingeladen (Liebesheirat) und auch auf den Empfang am Tag davor. An diesem Empfang wurde in einem Zelt im Innenhof der Eltern, getanzt, gegessen und Henna aufgemalt. Eingeladen wurde dabei nur die engste Verwandtschaft und Freunde - trotzdem 50 - 70 Personen. Braut bekam Henna anbeiden Händen (bis zum Ellenbogen) und an beiden Beinen (fast bis zum Knie) – dauerte ewig! Männer der Verwandtschaft haben sich woanders ein bisschen betrunken und waren dann auf der Party sehr tanzfreudig und auch teilweise ein wenig aufdringlich. Mir wurde auch gleich zu Beginn vom Brautvater Bier angeboten, dabei hat keine Frau getrunken – wohl weil ich Deutsche bin.

Am eigentlichen Hochzeitstag an dem auch die Zeremonie stattfand waren ca. 300 Leute (kleine indische Hochzeit) eingeladen. Dieser Tag oder besser gesagt Abend und Nacht laufen komplett anders ab als ich von Hochzeiten gewohnt bin. Es wurde in einem großen sehr prunkvoll geschmücktem angemieteten Lokation mit riesigem Garten gefeiert. Zu Beginn war die die Braut noch separat in einem Gebäude untergebracht und nur engste Verwandte (weiblich) waren bei ihr und mehrere Fotografen. Anschließend wurde sie dann zu ihrem Bräutigam gebracht und es folgte die sogenannte Kanyadan-Zeremonie. Dabei legt der Brautvater die Hände der Braut und des Bräutigams zusammen und umwickelt diese mit einer Blütengirlande und einem roten Tuch und segnet sie mit Gangeswasser.

Nach dieser  "Űbergabe" setzte sich das Brautpaar auf ein Sofa und es wurde im Wechsel mit allen möglichen Hochzeitsgästen Fotos über Stunden gemacht. Űberhaupt standen perfekte Fotos die ganze Zeit im Vordergrund - es gab auch einen "Regisseur", der immer wieder Anweisungen gab. Bevor es zum Buffet-Abendessen überging, wurden den Gästen Snacks gereicht, welche an mehreren "Straßenstand"-ähnlichen Tresen serviert wurden. Zum Abend aßen jedoch nicht alle zusammen (wäre aufgrund der Anzahl von Sitzplätzen auch nicht möglich gewesen). Gegen Mitternacht gingen dann die meisten Hochzeitsgäste heim. Bei der letzten Zeremonie (der Eheschließung) am sehr frühen Morgen (ca. 4 / 5 Uhr) sind vor allem die engsten Verwandten anwesend. Ich wollte allerdings in der Frühe nochmal kommen - allerdings zog da überraschend ein dichter Nebel (kein Smog) auf, dass zu dieser Zeit Auto fahren unmöglich war. Die Hochzeit fand am Rand von Delhi statt, das heißt die letzten 5 bis 10 Kilometer sah man überhaupt nichts und deswegen drehten wir wieder um. Bei dieser Zeremonie dreht das Brautpaar 7 Runden um ein Feuer und verspricht sich jede Runde etwas und es gibt auch eine Art Puja. Das ist vielleicht insgesamt ein bisschen vergleichbar wie bei uns die Trauung in der Kirche - dauert allerdings ca. 3 Stunden. Insgesamt war es eine sehr interessante Erfahrung, an einer indischen Hochzeit teilzunehmen und auch zu sehen, wie die Gäste alle gekleidet sind. Es ist vielleicht noch anzumerken, dass, wie so vieles in Indien, die Hochzeiten regional sehr unterschiedlich sind.

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