Wie ich wohne

Mit meiner Wohnsituation habe ich mal wieder so viel Glück gehabt, dass ich’s gar nicht richtig fassen kann. Ich wohne für Beiruter Verhältnisse sehr günstig (390 Dollar/Monat) in Geitawi, einer meiner Lieblingsgegenden. Es ist unglaublich angenehm ruhig um uns: wie bereits beschrieben kann man sich vor allem sonntags hier fühlen wie in einer Kleinstadt.

 

Man kennt sich hier: Alle quatschen mit allen, man wird hier und da kurz hereingebeten, um ein Käffchen zu trinken und ein bisschen zu tratschen. In diesem vorwiegend christlichen Viertel sprechen die meisten mit mir Französisch und sparen nicht mit Komplimenten („Comme elle est mignon, la petite nouvelle dans la maison du Sablinis!!“) und Liebenswürdigkeiten.

 

Wenn ich nur kurz Wasser kaufen gehen wollte, kann es also schon mal passieren, dass ich von zwei laut schnatternden Mittsechzigerinnen 30 Minuten lang in Schach gehalten werde. Zum Goethe-Institut brauche ich zu Fuß 15 Minuten, zu meinen Lieblingscafés noch weniger, in die busy Mar Michael mit all ihren Bars ist es auch nicht weiter.

Wie ich hier wohne - Laure
Wie ich hier wohne - Laure

Meine MitstreiterInnen 
Ich wohne nicht allein, sondern mit drei Herzchen zusammen: Laure, Victoria und Hasan. Wir sind bunt zusammen gewürfelt, kommen aus dem Libanon, Frankreich und Amerika und machen unterschiedliche Dinge. Es ist unglaublich angenehm, mit einem Einheimischen ebenso wie mit den beiden anderen Expats zusammen zu leben.

 

Ich bekomme hier, ebenso wie an jedem Tag, an dem ich zwischen der Hauptstadt und Saida hin und her pendle, viel Landestypisches mit, habe aber auch andere Einflüsse. Ich habe das Gefühl, dass mir so der extremste Kulturschock erspart bleibt. Der Austausch mit LibanesInnen bleibt aber bestehen und ich versacke nicht komplett in der Expat-Bubble.

 

Wir teilen unsere Leidenschaft für tantenhafte Teeabende, Blümchen, funktionierende Staubsauger und richtig gutes Essen. Deshalb kochen wir zusammen und können wochenendenlang im Bett versacken und Harry Potter gucken. Unsere Sorgen, Glücksmomente und Alltagspannen teilen wir miteinander und lassen immer die Zimmertüren offen. Wenn eine von uns krank ist, verbuckeln wir uns zusammen und kochen miteinander, bis es wieder besser wird, wir teilen unsere FreundInnen miteinander und passen ein bisschen gegenseitig auf uns auf.

 

Das alles tut mir unglaublich gut: Ich fühle mich kein bisschen allein oder verloren in dieser großen orientalischen Welt, die ja eigentlich doch wieder aus lauter Mikrokosmen besteht, wie sie das eben überall tut. So fremd ist die Fremde wieder gar nicht.
 
Unser Haus

Im selben Haus ein paar Stockwerke weiter oben wohnt Hasans Bruder. Deshalb werden Zwiebeln und Zigaretten hin- und her geworfen und alle wichtigen Dinge lautstark über die Etagen hinweg besprochen.

Aus unserer Küche gucken wir in typisch libanesisches Hinterhof-Chaos. Auf dem Balkon essen wir abends zusammen zum kreissägenartigen Geräusch der Wasserpumpen zwischen all dem Schrott, den Katzen und einem ewig fließenden Wasserrinnsal, das aus nicht ersichtlichen Gründen aus dem siebten Stock in den Hof rauscht. Ich verstehe selbst nicht ganz, warum ich mich inzwischen in dieser ungewohnten Umgebung so zu Hause fühle.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0