Kopfschütteln statt Nicken

Es hat übrigens eine Weile gedauert, bis mir klar wurde, dass Kopfschütteln hier keineswegs "nein" bedeutet. Zunächst war ich verwirrt, wenn auf "you understand?" kein Nicken folgte. Lisia hat mich dann darüber aufgeklärt. Mittlerweile wundere ich mich fast garnicht mehr darüber. In jeder Vertretungsstunde bekomme ich die gleichen Fragen gestellt: Hast du Geschwister? Wie heißen deine Eltern? Bist du verheiratet? Gefällt es dir in Kerala? Sprichst du Malalayam? Unvorstellbar für die Kinder ist meistens die Tatsache, dass ich nicht verheiratet bin und trotzdem nicht mehr bei meiner Familie wohne. Mehrfach wurde ich auch schon gebeten "Shape of you" zu singen. Ed Sheran Fans sind also überall. "Despasito" wurde auch schon gewünscht, wobei ich glaube, dass das Lied hier keinesfalls öffentlich gespielt werden dürfte, wenn es irgendjemand verstehen würde. Allerdings ist es in Vertretungsstunden immer meine Rettung, dass die Kinder gerne singen. Für mich, aber wahrscheinlich für alle Lehrer, ist es nahezu unmöglich in eine Klasse mit 40 Kindern Ruhe zu bekommen. Wenn ich allerdings anfange zu singen, habe ich alle Augen und Ohren bei mir. Mit den jüngeren habe ich entweder "I like the flowers" oder "The lion sleeps tonight " jeweils als Kanon erarbeitet, mit den älteren "Swing low".

Teil des Onam-Programms
Teil des Onam-Programms

Nächste Woche findet das Onam-Festival in der Schule statt. Das bunte Programm wird vom Schülern und Lehrern gleichermaßen gestaltet. Ich soll sowohl mitsingen als auch tanzen. Der Tanz ist wirklich machbar, wenn man erstmal die Grundschritte drin hat. Mit einem Saree, den ich dafür natürlich tragen muss wird das allerdings lustig. Aber die Lehrerinnen schaffen es ja auch. Überhaupt fühle ich mich in meinen Tunika-Leggins-Kombinationen etwas underdressed neben den Lehrerinnen, aber dafür ist mir nicht ganz so warm. Ich bin sehr gespannt, ob ich den "Onam-Song" bis zur nächsten  Woche lernen kann. Das Lied ist natürlich auf Malalayam, der Landessprache von Kerala. Die Sprache ist sehr kompliziert, nicht nur aufgrund der Schrift. Bisher kann ich nur "Namaskaram", aber das ist auf jeden Fall eine gute Grundlage, weil es der Begrüßung und Verabschiedung dient. Die Fathers wollen mir aber unbedingt etwas beibringen und ich soll ihnen dafür etwas Deutsch lernen. Dazu müssen sie aber erstmal "Goethe " richtig aussprechen  (Sie sagen Goite ;)). 

Da es ziemlich heiß ist, trage ich meine Haare normalerweise  hochgesteckt. Heute hatte ich sie  zur Abwechslung mal offen und gefühlt alle Frauen haben mir dafür Komplimente gemacht. Schulterlang trägt hier niemand. Genauso verwundert sind alle Kinder darüber, dass ich Linkshänderin bin. Nur gut, dass ich mit rechts esse. Allerdings auch mit Besteck, an das Essen mit Fingern werde ich mich eher nicht gewöhnen können. Eigentlich wollte ich schon am Montag im Goethe-Zentrum mitarbeiten, letztendlich hat es sich heute  (Mittwoch) zum ersten Mal ergeben. Nachdem ich heute morgen schon vier Vertretungsstunden hatte, sitze ich jetzt super entspannt unter dem Mangobaum des Goethe-Zentrums Trivandrum und korrigiere Klausuren. Die Arbeitsatmosphäre hier ist total angenehm. Solange ich noch Zeit habe, werde ich hier gerne mithelfen.  Im Moment ist es für mich noch ziemlich  entspannt, da mein eigentlicher Deutschunterricht nur teilweise stattfindet. Nach den Onam-Ferien wird sich das allerdings ändern. Onam ist hier in Kerala etwa mit Weihnachten bei uns vergleichbar.  Das eigentlich hinduistische Fest wird zu Beginn des ersten Monats = Chingam des Malayalam-Kalenders, gefeiert. Da er ein Mondkalender ist, verändern sich die Zeiten und entsprechen in etwa Ende August/Anfang September im Gregorianischen Kalender und Bhadrapada, dem Hindu-Kalender. Dieses Fest wird von allen Keraliten in der ganzen Welt gefeiert, unabhängig von Gesellschaftsschicht, Kaste oder Religion. Interessant ist auf jeden Fall auch, dass auch viele nicht-christliche Familien Weihnachten feiern. Ein weiterer Grund für Onam stammt aus einer Legende:

Es wird berichtet, dass die Zeit, in der König Mahabali (auch Maveli) regierte, ein goldenes Zeitalter war. Der König wurde als weise, gerecht und extrem großzügig verehrt. Allen im Staat ging es sehr gut, jeder Einwohner wurde gleichberechtig respektiert, unabhängig von Schicht, Kaste oder Einkommen. 

Für alle, die die Legende lesen wollen: http://ayurveda-intensiv.de/2010/08/26/onam-das-grosse-fest-in-kerala/ 

 

Onam Sadhya
Onam Sadhya

Trivandrum erinnert mich etwas an eine italienische Stadt. Hitze, katastrophaler Verkehr, viel Müll und aufdringliche Männer. Ich finde die Stadt trotzdem wahnsinnig faszinierend. Eigentlich hatte ich vor mir hier ein Fahrrad zuzulegen. Diesen Plan habe ich allerdings schnell verworfen. Das wäre nicht zur viel zu gefährlich, sondern auch viel zu anstrengend. Es ist gerade tagsüber wahnsinnig heiß. Kein Wunder, dass die Keraliten sich kaum mehr als nötig bewegen. Wer es sich leisten kann, geht auch den kürzesten Weg nicht zu Fuß. Yoga ist aber der perfekte Sport hier, ich werde versuchen mindestens dreimal wöchentlich zu gehen. Die Kurse finden entweder morgens oder abends um 6 statt, draußen auf einer Dachterrasse. Total schön!

Gemeinsam mit Louisa, der Praktikantin im Goethe-Zentrum, habe ich am Samstag Kowdiar,  unseren Stadtteil von Trivandrum erkundet. Ich kann nur immer wieder sagen, dass die Stadt faszinierend ist. Abends fand dann im Goethe-Zentrum das Onam-Fest für die Kinder statt. Nach bestandenen Prüfungen, präsentierten die Kinder ihr buntes Programm, bestehend aus Liedern, Tänzen und Sketchen. Danach gab es für alle etwas Süßes. Auf Süßigkeiten stehen die Keraliten total. Allerdings finde ich die Süßspeisen viel zu süß, zum Glück habe ich Zartbitter-Schokolade im Supermarkt entdeckt. Ansonsten ist das südindische Essen aber wirklich gut. Es ist sehr schade, dass uns Koch kein Englisch spricht, sonst würde ich mir wirklich gerne ein paar Gerichte zeigen lassen. Ich werde dafür belächelt, dass ich zum Frühstück meine Dosas oder Idlys (Reispfannkuchen)  süß mit Bananen und Erdnussbutter esse, aber ich finde das passt viel besser dazu als scharfes Entencurry. Heute habe ich einige Lehrerinnen zu einer Hochzeit begleitet und hatte somit mal wieder Anlass Saree zu tragen (natürlich mit Hilfe). Wir wurden von einem der gelben Christ Nagar Schulbusse gebracht. Ich war natürlich total gespannt auf die Zeremonie. Allerdings hatte ich mir das Ganze etwas anders vorgestellt. Die Lokalität bildete ein Kinosaal. Zunächst warteten wir über eine Stunde auf das Brautpaar, die eigentliche Trauung dauerte dann gerade mal 10 Minuten. Sofort danach stürzten alle zum Mittagessen. Es gab Sadya, ein  traditionelles Gericht beim dem verschiedene Currys mit Beilagen auf einem Bananenblatt serviert werden. Allerdings gab es nirgendwo Besteck, sodass ich keine Wahl hatte. Ich habe es aber geschickt angestellt und mein Saree ist von Flecken verschont geblieben. Nach dem Essen haben wir Lehrerinnen noch ein Foto mit der Braut gemacht und sind dann zurück gefahren. Den Nachmittag habe ich mit Raphael, meinem Schulwärts-Komplizen am Strand von Trivandrum verbracht. Baden ist eher schwierig aber die Temperatur war deutlich angenehmer als in der Stadt. Wir sind mit der Riksha gefahren. Dass der Fahrer auf dem Rückweg Wein und Schnaps neben sich stehen hatte, ist uns erst unterwegs aufgefallen. Aber über alles was den Straßenverkehr betrifft, darf man einfach nicht zu viel nachdenken.

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