#1 Ein erster Versuch retrospektiv meine Indien Erfahrungen zu verschriftlichen

Was macht die da eigentlich?

Regnen wird es, tagtäglich, sodass die Wassermassen von der Kanalisation gar nicht mehr aufgenommen werden können. Die Regenzeit kann ziemlich heftig werden in Mumbai, einer 22 mio. Mega-Stadt an der Westküste Indiens. Sonnenmilch wirst du gar nicht brauchen, der Smog lässt die  UV-Strahlen sowieso nicht durch, lieber Mückenspray, am besten im Vorteilspack, bitte. Lass weiße Sneaker und Jeans zu Hause, Tops sowieso, sonst kannst du auch gleich im Bikini in der Holzklasse im Zug sitzen und darauf hoffen, dass sich irgendeine Hand nicht ausversehen vergreift. Kauf dir ´ne Atemmaske. Spätestens nach der 2. Woche wirst du dich dann mit indischen Toiletten (Plumpsklos ohne Sitz) anfreunden, oder auch nicht, auf jeden Fall irgendeine persönliche Beziehung dazu aufbauen. Die Bakterien und Parasiten im Wasser, ungekochtem Essen und jeder Türklinke sind aus einer anderen Welt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle schon mal über die ein oder andere oben aufgeführte Indien-Assoziation gestolpert sind. In diesem Blog werde ich versuchen, knapp 2,5 Monate nach Aufbruch in mein SCHULWÄRTS!-Abenteuer, meine Erfahrungen zu verschriftlichen, zukünftigen Praktikanten Bombay schmackhaft machen und allen anderen Interessierten eine etwas andere Perspektive für das wohl polarisierenste Land der Welt anbieten. Für 2,5 Monate darf ich das Goethe Institut in Mumbai in dem ein oder anderen Projekt unterstützen. Hauptsächlich werde ich aber an einer internationalen Schule Deutsch als Fremdsprache unterrichten. Das Programm nennt sich SCHULWÄRTS!, falls ihr das direkt mal googlen wollt, um euch selbst zu bewerben. Wie genau die Schule aufgebaut ist, was uns eine internationale Schule macht und warum die JBCN International School in Borivali West die Coolste von allen ist, werde ich euch in einem anderen Blogpost versuchen näher zu bringen. Ich kann ja nicht alles Spannende vorwegnehmen… Viel Spaß beim Schmökern  

 

Die Vorbereitung auf meinen Indienaufenthalt - Prokrastinare Humanum Est

Da war sie wieder, die Prokrastination. Tage vergingen bevor ich überhaupt erstmal anfing, systematisch zu packen. Letztendlich kam es genauso, wie ich es nicht anders erwartet hätte – ich packte in der Nacht vor meinem Abflug. Die letzte Hausarbeit für das Sommersemester 2017 frisch gebunden, fiel ich etwas adrenalingetrieben über meine wahllos platzierten Beutel und Klamotten her. Die Familien-Kamera (an dieser Stelle nochmal eine dicke Umarmung und Dankeschön für Euer Vertrauen in mich!) sorgfältig in das Handgepäck gestopft verließ ich am Tag der Tage mein geliebtes Freiburg. In aller Vorfreude auf das was mich erwarten würde blickte ich doch ein wenig wehmütig auf unseren Balkon im dritten Stock zurück, als ich in die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof einstieg. Was für ein Sommer mit so vielen lieben Menschen, die mir so viel gegeben haben. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass ich irgendwo angekommen war. In dem Moment, bevor ich zu sentimental werden sollte, rempelte mich ein vor sich hin rauntzender älterer Herr von der rechten Seite Richtung an. Abgelenkt von seinen aufgelösten Worten, wie unmöglich die heutige Jugend sei, die Arbeit zu vernachlässigen und mit übergroßen Rucksäcken dem Alltag entfliehen zu scheinen, ergriff ich grinsend mein flauschiges Nackenkissen und setzte meine Kopfhörer auf, um mich von The Fugee’s ‚Ready or Not‘ geschmeidig auf die nächsten 24h vorzubereiten.

Quiche á la Mama

Ein letztes Mittagessen mit meinen Eltern stand noch auf dem Programm. Obwohl meine Mutter mich gebeten hatte, meine letzten möglichst gut bürgerlichen Essenswünsche an sie zu richten, vermochte ich die Überraschung vorzuziehen. Anders ausgedrückt hatte ich wohl einfach keinen Kopf dafür und ich wusste, dass sie etwas Wundervolles zaubern würde. Mit einer halben Quiche im Magen umarmte ich nochmals kurz meine Eltern bevor wir meine Oma im Nachbardorf abholen sollten und mit unserem dunkelblauen Schuhkarton auf Rädern aka Fiat Doblo gegen den Fahrtwind donnerten. Ausnahmsweise hatten wir genug Puffer eingeplant. Während Mama, stolz den kompletten Text auswendig zu können, uns an Wise-Guys „Sonnenschein“ teilhaben lies, schenkte mir Oma einen handschmeichelnden Engel aus Holz. „Der ist gesegnet“, druckste sie mit einer Träne unterdrückten Stimme hervor. Ich lächelte sie so breit ich nur konnte an und verstaute ihn unter meiner Kamera.

 

Heute mal ‘nen Last-Minute-Flug?

Viel zu früh erreichten wir den Flughafen. Perfekte Gelegenheit meinen zwei Liebsten noch eben das Konzept von Last Minute Flügen zu verkaufen. „Die Türkei ist gerade sehr beliebt. Billige Flüge. Alternativ‘ Barcelona – tolle Stadt “, scherzte der Mann hinter dem Counter, belustigt über seinen doch eher trockenen Humor. Witzig, aber das half nicht unbedingt. Ich lachte kurz auf und konnte gerade noch aus dem Augenwinkel erkennen, wie meine Mutter sich amüsiert aber entschlossen meiner Oma zuwandte. Mit hochgezogenen Augenbrauen waren sich beide einig, sie würden sich niemals auf so eine spontane Schnapsidee einlassen. Manchmal fragte ich mich doch, ob ich nicht doch adoptiert worden war. Erfolgreich in der Vermittlung der allgemeinen Idee hinter Schnäppchen Flügen, aber versagt sie davon zu überzeugen tatsächlich dem Alltag zu entfliehen, wandten wir uns dem Security Check zu. 

Impfungen 101 – Eine subjektive Einführung

Es war ja nochmals alles gut gegangen mit meiner ambitionierten Planung. Nur 19h vorher hatte mir eine motivierte Ärztin die dritte und letzte Tollwut Vorsorgeimpfung per Injektion in den Deltoideus gerammt. Gedankenverloren berührte ich meine rechte Schulter. Ob diese Impfung sein musste, bleibt mal dahingestellt, das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Bei jeglichem Pauschaltourismus ist vielleicht davon abzuraten. Mich hatte das Gesundheitsamt darüber informiert, dass der Impfstoff HDC zum Zeitpunkt Mangelware sei und man die Anordnung bekommen hätte, diesen nur noch bei Indien-Ausreisenden vorzunehmen. Diese Randinformation hatte den kleinen, aber dennoch existenten Lyssophoben in mir geweckt. Nirgendwo sonst soll es so viele streunende Hunde geben. Je nachdem wo man sich gerade befinde würde der Impfstoff zwar vorrätig sein, aber nicht immer von guter Qualität. Bei bestehendem Impfschutz kann auf die passive Impfung verzichtet werden. Eine erneute aktive Impfung ist jedoch trotzdem notwendig und dieser kann in Entwicklungsländern (ich gehe keine Diskussion darüber ein als was sich Indien derzeit am ehesten qualifiziert) eben besagter schlecht verträglicher auf Nervenzellen gezüchteter Impfstoff sein. Für alle Indien-Ausreisenden also, FYI. Danke an meine Krankenkasse, dass sie mir Kosten in Höhe einer vollen Monatsmiete erspart und ich somit länger in Indien bleiben kann. Note: Ich versuche jegliche Schleichwerbung zu vermeiden, die TK hat‘s hier aber voll rausgerissen. 

Host-Familie, Hostels oder Freundes‘ Freunde…Freunde

Von Frankfurt aus Richtung New Delhi würde mein Flug 8h plus weitere 2h nach Mumbai brauchen. Mein erster Flug in den außerkontintentalen Bereich gen Osten. Ich hatte zuvor bereits längere Flüge hinter mich gebracht, aber was mich in Indien erwarten würde war dennoch etwas ungewiss. Zwei Tage zuvor hatte ich mich mit einem Freund, der einen Bekannten eines entfernten Freundes hat, kurzgeschlossen. Er würde mich in einem freien Zimmer in Khar West, im Zentrum Mumbais für die ersten Tage beherbergen können. Kurzerhand hatte ich mein Hostel gecancelt und mich auf eine Art Couchsurfing Feeling eingestellt. Die Verbindung über mehrere Ecken sollte auch meiner Familie helfen, die Jüngste beruhigt nach Indien zu entsenden. Ich wusste, dass meine Mutter die kommenden 4 Monate nur mit angehaltenem Atem und der ein oder anderen schlaflosen Nacht verbringen würde. Ich versuchte meine Mutter dahingehend zu beruhigen, indem ich ihr versicherte mich nicht (wissentlich) in eine unbedachte, waghalsige Situation zu begeben. Ausnahmsweise mal. I am adulting. I swear.

Klassische Ernährungspräferenzen in der zeitgenössischen Flugkultur

Dank AirIndia durfte ich auch direkt die stereotypen-reichsten 8h erleben.  Davor aber noch eine kleine Anekdote: Direkt nach Abflug wurde uns direkt eine Erfrischung und ein, für deutsche Verhältnisse, spätes Abendessen serviert. Da ich direkt bei AirIndia gebucht hatte, konnte ich dort sogar meine Ernährungspräferenzen angeben. Ich behaupte das jetzt einfach mal, aber ich bezweifle, dass eine andere Airline so viele verschiedene Religionen und Ernährungsgewohnheiten überhaupt jemals berücksichtigen wird. Achtung, ich (so fühlt es sich an) zitiere aus dem Lexikon der modernen Krankheiten und Weltreligionen: "Gluten Free, Asian Veg-Meal, Hindu Meal (non-veg), Kosher Meal, Jain, „normal“ veg, Moslem meal, Bland meal, Diabetic meal, Lacto-ovo veg, low-cal, low fat/low cholesterol, selbstverständlich auch das wahlweise veg/non-veg, low sodium, non-lactose, raw veg, seafood, veg oriental, vegan uuund natürlich Baby, und child veg/non-veg". Eine Wahlmöglichkeit musste ja passen – wahrhaft ein Land der Multikulturalität! Das Biryani unter den Salad Bowls und Mosaiken…oder den melting pots? Tatsächlich spalten sich die Geister an der politischen Korrektheit abstrakt-kultureller Assimilationskonzepte in multiethnischen Ländern, also Vielvölkerstaaten. Wie ist das also in Indien, fragte ich mich.

Verschmelzung von Kulturen – Konzept in Indien

Zu viel hatte ich darüber gelesen, also nur kurz nochmal zur Erklärung, für all diejenigen, die meinen Blog gerade auf der Toilette sitzend oder in der Hängematte liegend lesen und kein Lexikon zur Hand haben: Länder, deren Ethnien und Kulturen zusammenleben und dennoch ihre eigenen Praktiken, Religionen und Riten beibehalten, nennt man Salad Bowls. Amerika ist hier ein Paradebeispiel. Bei den Melting Pots verhält es sich anders, da assimilieren alle in eine bestehende/privilegierte Kultur. Ein Schweizer Fondue, wenn man so möchte. Das Land ist ein Subkontinent. Man stelle sich mal vor, wie unglaublich vielfältig das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde sein muss (nach China, übrigens. I gotchu). Außerdem ist es flächenmäßig das siebtgrößte Land, und mit 1,3 Milliarden Einwohnern auch die größte Demokratie der Welt. Übrigens, ich dachte ja immer ich wüsste als Politikstudentin, so wie jeder/jede, die irgendwann mal im Gemeinschaftsunterricht kurzzeitig aufgehört hat, Briefchen an MitschülerInnen drei Tische weiter zu verfassen, dass die attische Demokratie die älteste aller Demokratien, oder nach heutigem Verständnis demokratieähnlichen Staatsformen, sei. Pustekuchen. Tatsächlich ist es Indien. Was wir genau als eine Demokratie definieren ist also ein anderes Thema, aber die Grundidee kommt anscheinend doch aus Indien. So viel dazu.

Zurück aber zu unserem Biryani-Thema, der Frage, ob Indiens Alltag eher von einer Verschmelzung oder einem Nebeneinanderleben von Ethnien und Kulturen charakterisiert ist. Sorry, dass ich dauernd abschweife. Die meisten sind das ja schon gewöhnt von mir…bear with me! Fast geschafft. Auf was ich eben also eigentlich hinaus wollte, bevor ich nochmal ein neues Thema ernsthaft zu elaborieren beginne: Das Land ist riesig und ebenso auch seine Bevölkerung. Man kann Indien also nicht wirklich über den Kamm scheren und so wie ich das sehe, kann man Indien auch nicht in Schubladen stecken oder charakterisieren. Das ist frustrierend für den Deutschen, weil wir wissen gerne mit was wir es zu tun haben, so können wir uns optimal und effizient darauf vorbereiten. Klar, es gibt sicher mehr Gemeinsamkeiten und Eigenheiten zwischen allen indischen Pass-Inhabern, als jetzt z.B. zwischen einem Punjabi und einem Italiener. Jede Indienerfahrung ist aber anders und mit dieser Bevölkerungsdichte schauen wir auf eine krasse Pluralität. Irgendwie hat Indien das aber geschafft, dass man fast (genau, Kashmir z.B., du gehörst noch nicht so ganz dazu) überall friedlich nebeneinander leben kann, jegliche religiösen Lebensweisen ihren Platz gefunden haben und auch von einem Schweizer Fondue (Melting Pot) nicht mehr wirklich gesprochen werden kann. Vielleicht schließe ich mich doch den politisch Korrekten an und plädiere für eine salad bowl, ein Thali oder eben doch einem Biryani, einem herzhaft angebratenem Reisgericht, in das die Inderin allerlei Zutaten reinschnippelt. Bei uns nennt man das dann wohl Risotto oder auch Gemüsepfanne, in die alles reingehauen wird, was der Kühlschrank noch so herzugeben vermag. Eine Reis-/Gemüsepfanne ist also ein Biryani, zugegebenermaßen etwas tolerant ausgedrückt. Für alle Willigen habe ich im Folgenden diesen letzten Paragraphen etwas anschaulicher zusammengefasst: 

 

"The biryani, like most of us, is uncertain of its origins. It probably came from outside of the subcontinent and blended itself into the Indian ethos. Mind you, though, the biryani was smart enough to quickly realise that there is no one Indian ethos or value system. To survive and to spread across the country, it had to adapt and integrate itself into as many different forms as there are cultures in India. And it did spread, from the high north to the deep south, from the far east to the distant west. For the Awadhi nawabs it shed its spicy strength and for their Brahmin bookkeepers it assumed the form of 'tahiri', substituting meat with potatoes. For the 'strictly veg' Jain Gujaratis it let go a part of its soul to become an onion-less vegetable biryani and for the 'reluctantly veg' vegetarians, it reincarnated as the egg biryani. For the sweet-toothed Bengali, it adopted a flavour of sweetness and for those in the Northeast and here in Kerala, it added beef to its personality. For the 'melting pot' Hyderabad, it ingrained into itself a diversity of flavours and for the aloof Ambur, it blended into Arcot's local ingenuity. From Sindhis in the west to the communities of Kampur in the east, from the Jats in the north to the Nasranis in the south, the biryani became to everyone what they were. So you see friend, your favourite biryani is a true manifestation of the very idea of India, a discussion which vexes you"

(Internetquelle Zitat Biryani: Varughese: “What The Biryani Says About 'The Idea Of India'”, unter: http://www.huffingtonpost.in/shijoy-varughese/the-different-ideas-of-in_b_8458694.html (abgerufen im Oktober 2017)).

Und in der Schule? The Three-Languages-Policy

Nicht nur mit dem Essen und den verschiedenen Kulturen verhält es sich so, sondern auch mit der Sprache. Aufklärend soll folgender, in Indien volkstümlich-gebrauchter, Aphorismus sein: „Kos-kos par badle paani, chaar kos par baani“. Das bedeutet übersetzt so viel wie: Die gesprochenen Sprachen (und Dialekte, nehme ich mal an) verändern sich alle paar Kilometer, genauso wie der Geschmack des Wassers. Laut Artikel 343 in der Verfassung (das wars auch schon wieder mit Mr. Google’s Einsatz, keine Angst) sind 22 Sprachen offiziell anerkannt, wobei Hindi und Englisch landesweit am häufigsten in Gebrauch sind. Zeitgleich mit der Unabhängigkeitsbewegung 1948 forderten hauptsächlich südindische Provinzen die Neuziehung von Landesgrenzen je nach Sprachgebieten. Um den einzelnen Bundesstaaten eine einheitlichere politische Identität und mehr Autonomie zu ermöglichen, ist die Verwendung von so ziemlich jeder anderen inoffiziellen Sprache im öffentlichen Raum daher erwünscht. In Indien müssen alle Schüler und Schülerinnen in Minimum drei Sprachen unterrichtet werden. An meiner Schule sind das Englisch, Hindi (und Sanskrit), Marathi und – yay – Deutsch! Die Kids dürfen nach der 8. Klasse wählen, womit wir dann wieder bei den drei Pflichtsprachen wären. Hindi war übrigens nicht immer Landessprache und nicht unbedingt weiterverbreitet als Tamil, Marathi oder Bengali. Erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts entschied man sich dafür, eine einheitliche nicht-englische Sprache für bundesstaatliche politische Prozesse einzuführen, wobei Experten Englisch zukünftig für entscheidend erachten. Gut, dass ich angehende Englischlehrerin bin, denke ich mir da.

Elegant die Kurve gekriegt – mein Flug!

Vielleicht erinnert sich der Ein oder Andere noch an den Ursprung der hiesigen Ausschweifung. Genau, es ging um Essen und Trinken und einer stereotypenhaften 8h Flugzeit. Zu beider meiner Seiten sollten sich also Sikhismus Anhänger mit traditionell kunstvoll gebundenen Turbanen einfinden. Der Nutzung von Besteck und dessen zugrundeliegendem Konzept wohl fremd durfte ich das erste Mal an den authentischsten Tischsitten eines wahrhaftigen Punjabis teilhaben. Zur Aufklärung: in Mumbai und anderen Großstädten werden in zahlreichen Restaurants, der Schule oder auch je nach Freundeskreis häufig Gabel, Messer und Löffel verwendet. In so ziemlich allen anderen Teilen Indiens, vorzugsweise auf dem Land und so auch im Norden Indiens, wie Punjab, bedient man sich traditionell aber vorzugsweise jenem Werkzeug, welches der gestaltlose Schöpfergott hierfür vorgesehen hat, der rechten nackten Hand. Mit dieser führt man die Mahlzeit in den weit geöffneten Mund, wo der Daumen die restliche Arbeit verübt. Ich hatte mir also ein veganes Biryani bestellt, weil man weiß ja nie, wie viel Antibiotika das Hühnchen so unkontrolliert in sich reingepumpt bekommt. In Indien, ähnlich wie Amerika, findet man auch dank mangelnder Abwasserklärung multi-resistente Keime und Rückstände von Antibiotika leider in fast jedem (Hühnchen-) Fleisch und auch in der guten heiligen Milchkuh. Also aufpassen beim Chai trinken und Butter Chicken bestellen. 

Indien Knigge

Ich glaube, der verwirrte Gesichtsausdruck meines Sitznachbarn galt der unverschämten Nutzung meiner linken Hand, auch noch der eines Löffels. Er hielt kurz inne und beäugte mich mit hochgezogenen Brauen bis er sein Non-veg-Tikka abgekaut hatte. Mit einem Schluck Whiskey säuberte er kurz den Rest und entschied sich daran anschließend wieder dafür seine rechte Hand in seine Plastikschale zu tunken. Tatsächlich fühle ich mich seit Kindheitstagen der linken Hand am Mächtigsten. Dies drückt sich selbstverständlich auch in der Nutzung dieser beim Konsumieren von Mahlzeiten aus. Die linke Hand gilt in Indien bekanntlich als unrein, da sie bis heute von einigen Vielen als, sorry, jetzt wird’s kurz unappetitlich, umweltfreundliches Toilettenpapier genutzt wurde und wird. Ich tat unbeeindruckt so, als wäre ich von der uns umgebenden Schwärze hinter dem Fenster tief beeindruckt war und machte mich anschließend über fünf 0,2 ml Flaschen Wasser her. Ah, ich weiss, auf dieses Thema komme ich sicherlich auch noch irgendwann anders zu sprechen. 

 

Bemerkenswert ist hier vielleicht noch, dass der gute Mann die Verhaltensvorschriften des Sikhismus, jene die den Konsum von Alkohol betreffen, gekonnt umging. In meinen besten Zeiten im Fußballverein hatte ich nicht mal diese Ausdauer. Vor allem nicht in der Economy-Class eines Flugzeuges. Tiefst beeindruckt von der freien Auslegung der Sikhischen Ernährungsgewohnheiten schliefen wir alle gleichzeitig irgendwo (schlaf-)trunken über Turkmenistan ein. 

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