Vom südbadischen Hochsommer – was anderswo so passiert Mumbai in der Regenzeit

Frankfurt – Delhi/Delhi – Mumbai 

Ein etwas unsafter Stupser von der linken Seite riss mich aus meinen Träumen, an die ich mich natürlich dank der Art und Weise des Aufwachens nicht mehr zu erinnern vermag. Mein Freund aus Amritsar deutete mit seinem goldbestückten Zeigefinger auf meinen ausgeklappten Tisch. Ein zerknittertes DinA5 Blatt wartete auf mich, um ausgefüllt zu werden. Eine "Customs Declaration" um diese Uhrzeit? Ich schielte verschlafen nochmal kurz auf meine Armbanduhr, richtete mich ungelenk aus meinem mir nach Abflug gebautem Nest auf und zückte einen Stift, um meinen Verpflichtungen nachzugehen. Ausgefüllt soweit ich nur konnte, verstaute ich das essenzielle Stück Papier in meinem Reisepass und lies mich wieder zurück gegen das Gebrumme des Motors hinter dem Fenster sinken. Ich schätze diesen Umstand auf circa 3 Minuten Tiefschlafphase ein, da stupste es wieder von der Linken. Das Frühstück. Für eine echte Tiefschlafphase hat es glaube ich doch nicht ganz gereicht, es war 3:17 Uhr. Ich konnte meine Verblüffung, so drücken wir es jetzt mal aus, nicht gänzlich unterdrücken. Ich zähle zu jenen Individuen für die das Einschlafen im Sitzen zu einem Accomplishment gehört und daher nicht kampflos aufgegeben werden kann und darf. Da ich aber für Mahlzeiten bekanntlich immer etwas übrig habe, lächelte ich meine Sitznachbarn müde an und machte mich über meine letzte, mehr oder weniger authentische, europäische Flugzeugverkostung her.

Wohnungssuche á la Freiburg

Der Freund eines Freundes Bekannten Freundes hatte sich bereiterklärt, mich vom Flughafen in Mumbai abzuholen. Treffpunkt Starbucks, eine internationale Konstante, die jeder (Allein-) Reisende sicherlich für sich schon einmal entdeckt hat. Im Starbucks gibt es Wifi, angenehme Sitzmöglichkeiten und eine Toilette, wenn man sich denn zu einem genießbaren Kaffee hinreißen lässt. Alles Annehmlichkeiten, die ich nach meiner Landung dringend nötig hatte. Gut, dass dieser kein Wifi hatte. Eine höchst befreiende Erfahrung, wenn man nicht gerade versucht, bestimmte Menschen zu treffen. Danke Mama, dass du mir beigebracht hast, wie man auf fremde Menschen offen zugeht, sie kurz freundlichst um ihr Handy bittet und sich so aus der Patsche hilft. Wahrlich ein nützliches Talent. Amey, besagter Freund eines Bekannten und so weiter, hatte zwei Wochen vorher Geburtstag gehabt. Ich hatte ihn in genau dieser frohlockenden Stimmung am Telefon erwischt und er bot mir direkt ein Zimmer für meine erste Zeit in Mumbai an. Für einen kurzen Moment schossen mir allerlei Warnsignale durch den Kopf: eine Frau, die mit zwei Männern zusammenwohnt…in Indien? Bei allem was die Medienlandschaft so herzugeben hatte, eine waghalsige Idee. Da es sich um den Kontakt eines Indien-affinen Freundes handelte, nahm ich dennoch dankend an. Ähnlich wie in deutschen Städten mit Traditionsuniversitäten zu Beginn des Wintersemesters ist die Wohnungssuche in Mumbai recht angespannt. Hinzu kommt, dass die meisten Zimmer entweder ausschließlich für Männer oder Frauen ausgeschrieben werden und eine Zwischenmiete von den Vermietern ungern gesehen ist. Typisch durchschnittsdeutsch hatte ich mich schon früh um ein Zimmer bemüht, war aber eben immer wieder an der besagten Drei-Monatshürde gescheitert. Liebe angehende SCHULWÄRTS!-StipendiatInnen: Alles ist möglich – mit Geduld und Flexibilität. Wenn es den einen oder anderen nach Mumbai verschlagen sollte, biete ich hiermit gerne mein zwischenzeitlich angeeignetes Know-How an! 

 

Amey hatte Tuhina zum Flughafen mitgebracht. Mit ihrer weißen kurzen Latzhose und runden Harry Potter Hippie Sonnenbrille umarmte sich mich entschlossen und grinste mir genauso verschlafen entgegen. „Du siehst so aus, als hättest du genauso wenig geschlafen wie wir.“ Ein wenig stereotyp-behaftet war das für mich fast so etwas wie eine schriftliche Urkunde: die zwei sind verheiratet (sind sie nicht). Es ist aber tatsächlich bis dato immer noch traditionell im Denken verankert, dass man nicht mit seinem Partner im gleichen Zimmer nächtigt, ohne vorher sein komplettes Vermögen in eine pompöse 600-Mann (und -Frau) Hochzeit investiert zu haben. Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich mich in einer Millionenstadt befinde und Generationen, die von sozialen Medien beeinflusst werden, flexibler denken. Dazu aber später mehr. Wir bestellten Paranthas, eine Art gefüllter indischer Pancake, den ich mit einer Hand zu essen versuchen sollte. Ich fühlte mich sofort zu Hause.

Mit den beiden teile ich nicht nur den Gasherd sondern auch meine gesamte deutsche Schokolade, Anupam und Amey
Mit den beiden teile ich nicht nur den Gasherd sondern auch meine gesamte deutsche Schokolade, Anupam und Amey

Erstes Wochenende – Segelturn in Maharashtra

Abends entschieden wir recht spontan über das Wochenende Richtung Lonavala rauszufahren. Mein Jetlag versuchte ich gekonnt fürs Erste zu ignorieren. Ich berichte von den folgenden zwei Tagen mal kurz im Schnelldurchlauf: Nach fünf Stunden Schlaf durfte ich meine erste Kokosnuss zum Früh-Frühstück genießen. Man kann sich das in Mumbai selbstverständlich morgens vor die Haustüre liefern lassen. Wir fuhren gute 100 km durch die “Berge”, von einer Autobahn kann hier allerdings nicht die Rede sein, ich fragte mich, was wir in der Autoproduktion falsch gemacht haben, dass eine Deutsche ihr Gefährt niemals über diese Schlaglöcher jagen würde. Ich tippe ausnahmsweise mal auf die unwahrscheinlichere Option, ein anderes Mindset. Um sich den einen oder anderen Wirbel regelmäßig wieder einrenken zu können, kann man alle paar Kilometer kurz anhalten, einen Chai, Samosas oder andere landestypische Köstlichkeiten genießen. Die Jungs bestellten eine Art Masala, dazu verschiedene Chutneys und Gemüsesorten, die durch das tiefe Frittieren ins Unkenntliche geraten waren.

 

Toiletten für Alle – 101

Kurz vor Weiterfahrt war es dann soweit: das Kokosnuss und der ganze Chai ließen mich auf der Stelle tanzen. “Is that the queue for the washrooms?,” fragte ich von einem Bein auf das andere tänzelnd. "Trölf" Damen mit roten Punkten zwischen den Brauen nickten langsam während sie meine Elefanten-Yoga Leggins von oben bis unten musterten. Endlich in einer Kabine, den Riegel sorgfältig vorgeschoben, bereit die Schwebeposition zu sichern, hielt ich überrascht inne: die Toilette. Ohne äußeren Lichteinfall konnte ich lediglich Umrisse erkennen. Mit einem Mal war mir klar, warum Yoga nur aus Indien stammen konnte. Ich hatte schon von etwaigen Konstruktionen gehört und sie machte ja auch irgendwie Sinn. Schon Gandhi hatte seinen Landsleuten empfohlen immer einen Klappspaten bei sich zu tragen, sodass die hygienischen Zustände sich nicht intensivieren würden. Da war das ja noch die elegantere Variante. Ein in den Boden eingelassenes Loch mit einem Kännchen Wasser erforderten also einen routinierten Handlungsablauf von mir. In meiner WG in Mumbai haben wir zwei Toiletten, Western style, weswegen mir diese Konstruktion bis dato nicht begegnet war. 

 

Obwohl seit Jahren eine Menge Geld nach Indien fließt, hockt sich immer noch jeder Zweite einfach draußen hin, auf Bahngleisen, Feldern oder an Flüssen. Im Vergleich dazu haben von 1,3 Milliarden Einwohnern 1 Milliarde einen Handyertrag, wovon ein Viertel bereits ein Smartphone registriert hat. Die preisgünstigen Geräte mit erstaunlich guter Vorderkamera-Qualität und einer Menge Applications gibt es bereits für 3,50 Euro (aye, richtig gelesen). Mein Handyvertrag mit 1GB pro Tag kostet mich übrigens knappe 7 Euro pro 28 Tage.

 

Im Folgenden eine kurze Einführung für oben beschriebene Entwicklung: Sari oder Lungi lupfen, Füße rechts und links platzieren, in die Hocke gehen (Achtung für alle Menisken-geschädigten, Sportler mit Kreuzbandrissen oder Arthrose, also ja, genau, Achtung für Fußballer: für Euch hat Indien leider noch keine Alternative vorgesehen) und letztlich entspannt nach vorne schauen. Schließlich wurde mir auch klar, warum es im Englischen keine passende Übersetzung für “stilles Örtchen” gibt (ich habe das für alle Linguisten kurz recherchiert). In Indien haben übrigens nur Spitzensportler jede Menge Lucky Luke und Asterix & Obelix Zeitschriften auf Kopfhöhe platziert, für alle anderen fehlt da leider die Ausdauer in der Kabine für eine anständige Klokultur. Zum Abschluss der Intro-Session möchte ich kurz noch die ewige Toilettenpapier-Debatte aufgreifen. Was bei uns jetzt gerade in Mode kommt, ist hier seit den Vedas schon gang und gebe: Wasser statt Papier. Nicht nur hygienischer, sondern auch umweltfreundlicher. Wenn es denn mal soweit ist, einfach mal nach einem Kübel Wasser umschauen. Was man in einer “Autobahn-“ Raststätte natürlich nicht findet, sind die viel praktischeren Handbrausen. Man erkennt den Touristen daher immer an dem Wasserfleck im Schritt und ggf. der komplett nassen, restlichen Kleidung; der Schlauch ist so sensibel zu handhaben wie die Kupplung beim Anfahren am Hang. 

Mumbaikars, Bombayites, und Mumbaiwallas – eine Stadt, viele Bewohner

Durch das hohe Verkehrsaufkommen waren wir super spät dran, was allerdings niemanden vor Ort groß zu tangieren schien. Wer hätte gedacht, so schreibt der indische Fettnäpfchenführer, dass gar Bertold Brecht mit den “indischen Gepflogenheiten” vertraut war: “Ja, mach nur einen Plan, sei ein großes Licht. Und mach dann noch nen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.” Pläne lassen sowieso zu wenig Raum für Kreativität und Flexibilität. Recht hat dessen Autorin Karin Kaiser (siehe Blog Numero Uno, 2. Foto), den Eindruck habe ich bis dato auch gewonnen. (Stichwort: Indian Flexible Time). Auch wenn Mumbai eine sehr schnelllebige Stadt ist, sind die meisten eben nicht in Bombay aufgewachsen, wie man die 22 Millionen Stadt auch liebevoll betitelt. Der politisch korrekte Unterschied: Der Name Bombay geht auf die Kolonialzeit zurück. Bon Bahia ist portugiesisch und heißt so etwas wie „schöne Bucht“. Nachdem die Hafenniederlassung der Portugiesen gute 350 Jahre später, im Jahre 1995, von einer nationalistischen Partei angeführt regiert wurde, änderte man geschickt ein paar Buchstaben ab. Mumbai setzt sich also aus der Göttin „Mumbadevi“ und „Aai“, Marathi für „Mutter“ zusammen. Tadaa, offiziell betitelt man diesen wundervoll verrückten Flecken Erde also Mumbai (beim Visa aufpassen). Bombay dagegen ist da, wo man verweilt, wo gelebt wird, da, wo der populäre Bollywood Klatsch über einem Chai diskutiert wird und man abends am Marine Drive sein Bierchen unauffällig genießen kann.

Tatsächlicher (Segel-) Turn

Trotz fünf Stunden Schlaf (ha!) zeugte meine Ausstrahlung mit jeder Faser dem verschobenen Tag-Nacht-Rhythmusdurcheinander, sodass Amey mich in der Theorieeinheit zweimal amüsiert in die Seite boxte um mich wieder aufzuwecken. Eine ordentliche Portion Neurohormone hielten mich aber dennoch irgendwie den ganzen Tag auf Trapp. Lediglich dieses eine Mal, als ich der Sonne entgegen lachte und mich für einen kurzen Moment so fühlte wie Laura Dekker nach gelungener Atlantiküberquerung, holte mich der Schlafmangel ein. Ich ließ die Ruderpinne los und riss meine Arme etwas unüberlegt in die Luft. Infolgedessen verlor ich kurzerhand die Kontrolle über mein Segel, das Ruder und letztlich auch mein Gleichgewicht. In Zukunft werde ich mehrere Tage vor meiner Abreise meine Zubett- und Aufstehzeiten dem hiesigen Zyklus annähern, dann stößt mich sicherlich auch kein Galgenmast mehr vom Boot.

 

Monsun-Saison

Wenn ich mich so zurückbesinne, ist es mir ein Rätsel, warum ich mir keine Erkältung zugezogen hatte. Die ganze Woche hatte es schon in Strömen geregnet und es war, zu meiner Ernüchterung, bis auf weiteres auch keinerlei Besserung in Sicht. Immerhin war der Regen gefühlte 28 Grad warm. Auf meinem Ein-Mann-Topper fühlte ich mich wie Davy Jones auf der Flying Dutchman im zweiten Teil der Disney-Pentalogie „Fluch der Karibik“. Weil mein Bruder und ich als Kinder "Was Ist Was" inhaliert haben, hier ein kurzer Auszug, sodass wir alle die Hintergründe des heftigen Monsuns in Mumbai und Umgebung nachvollziehen können. Alle, die in der Schule besonders gut aufgepasst haben, nach dem kursiv gedruckten geht’s weiter: 

 

„Im Sommer erhitzen sich die asiatischen Landmassen durch die starke Sonneneinstrahlung. Über dem Festland steigt warme Luft auf, der Luftdruck sinkt. Auf dem kühlen Meer dagegen herrscht hoher Luftdruck. So entsteht ein Wind, der vom Indischen Ozean zum Land weht. Dadurch kommt es im Sommer zu starken Regenfällen. Dagegen bringen die Winterwinde, die aus dem Nordosten kommen trockene Luft ins Land. Darum regnet es von Oktober bis Januar kaum. Auf dem indischen Subkontinent fallen während des Sommermonsuns 78 Prozent des gesamten Jahresniederschlages. Deshalb ist dieser Monsun im Normalfall auch lebensnotwendig für die Menschen und die Natur“ (Internetquelle: Was Ist Was, unter: https://www.wasistwas.de/archiv-wissenschaft-details/der-monsun.html, (abgerufen im Dezember 2017).

 

© Bildungsserver Hamburg. Link: http://bildungsserver.hamburg.de/ozean-und-klima/4337334/enso-indien-artikel/
© Bildungsserver Hamburg. Link: http://bildungsserver.hamburg.de/ozean-und-klima/4337334/enso-indien-artikel/

Pizza und Indian Barbecue

Am Abend zogen wir weiter zu einem himmlischen Restaurant auf einer Bambuskonstruktion (siehe Fotos). „The Oven“ lag auf dem Weg zu unserem Campingplatz, irgendwo im Nirgendwo. Typisch asiatisch bestellten wir alle halbe Stunde eine Handvoll Pizzen, die in der Mitte des Tisches Platz fanden und von uns allen gleichermaßen vernichtet wurden. Wir blieben vier Stunden. Richtig impliziert, die Menge an Pizzen war unmenschlich, aber nach dem langen Tag unter Wasser lebensnotwendig. Der Abend wäre nicht perfekt gewesen, wenn nicht eins unserer Autos im tiefen Matsch stecken geblieben wäre und der Inhaber persönlich im weißen Hemd beim Herausziehen geholfen hätte. Weil wir und die gesamte Belegschaft nach einem einstündigen Kampf aufgeben mussten, bot man uns an, sich bei Ihnen aufzuwärmen und gar zu nächtigen; die andere Hälfte der Belegschaft würde uns morgens um 6 Uhr mit einem Jeep das Auto rausziehen. Um Mitternacht erreichten wir leicht erschöpft den Campingplatz. Ich hatte mich innerlich schon auf eine kurze Nacht auf hartem Untergrund vorbereitet. Als wir ankamen erwartete uns aber ein gutgelaunter Host namens Clement mit frisch mariniertem Gemüse und Hühnchenfilets, selbstgemachter Knoblauchbutter, und glühend heißem Chai Tee. Durchnässt und alles andere als ausgehungert vermochten wir die unheimlich einladende Gastfreundschaft dennoch nicht abzulehnen. Wie oft bekommt man auch schon, umgeben von Reisfeldern, ein authentisches indisches Mitternachtsbuffet mit lieben Menschen geboten? Der morgige Tag würde schon noch selbst für sich sorgen, dachte ich fast schon leicht benebelt vom Schlafmangel. Es war Ende August und ich mochte die Lagerfeuerstimmung. Fast wie zu Hause.

"The Oven"
"The Oven"

Ganesh – der, der mit den Elefanten spielt, der Gott der Weisheit, Bildung, Wissen, etc. 

Zurück in Bombay verfiel ich in einen eintägigen Schönheitsschlaf. Als ich ein Tag später wieder erwachte, erhielt ich eine E-Mail vom Auswärtigen Amt, mit der dringenden Empfehlung das Haus den Tag über nicht zu verlassen. Zeitgleich kam eine Nachricht von Amey rein, alle Schulen würden geschlossen bleiben und Arbeitgeber angehalten, ihre Mitarbeiter spätestens nach 15 Uhr nach Hause zu schicken. Mumbai war lahmgelegt. Genauso unser Wifi-Router, der besonders bedacht platziert war – nämlich direkt unter dem einzigen Fenster im Haus, das bis dato undicht ist – wohl die einzige Stelle im Haus, die im strömenden Regen wie ein Springbrunnen fungiert und mir angenehme Plätschergeräusche bei Nacht beschert hatte. Der stärkste Regen seit 12 Jahren ließ eines der wichtigsten Hindu-Festivals „Ganesh Chaturthi“, das Ende August, besonders in Mumbai, zehn tagelang zelebriert wird, ins Wasser fallen. Dies war auch einer der Hauptgründe, warum es mich eine gute Woche vor Praktikumsbeginn schon nach Mumbai gezogen hatte. Lord Ganesh, die bei uns wohl am weit-verbreitetsten indische Gottheit, wird 10 Tage lang mit Poojas (Riten) und Paraden gefeiert. Als Tourist kann man sich entweder wild unter die Menge mischen und/oder Puja-Hoppen, d.h. von einem Ganesh zum Nächsten ziehen und wie an Fasnacht alle Süßigkeiten einsammeln (und direkt vernichten). Zum Ende hin wird der Gute dann im Meer ertränkt (wir haben das ganz klassisch auf der Dachterrasse einer Freundin mit einem Mini Ganesh im Wassereimer durchgeführt).

Besonders Mumbaiker feiern den Sohn Shivas und Parvatis mit dem sagenumwobenen Elefantenkopf, der wohl jegliches Unheil abwenden soll mit unmenschlich vielen Süßigkeiten. Eine davon ist Modak, eine gedämpte Reisteigtasche gefüllt mit Jaggery und frischen Kokosraspeln, Ganeshs Lieblingsspeise - wisst ihr. Meine Lieben, veni, vedi, vici. Ab Januar gibt’s Modak in Freiburg im Schwarzwald.

WLAN Router unter dem Fenster
WLAN Router unter dem Fenster

Wenn es regnet, regnet, regnet

Letztlich entscheidet der Monsun über die Lebensbedingungen der Bauern in Maharashtra, dem Herzstück der indischen Wirtschaftskraft. Mumbai ist nicht nur Finanzhub, sondern auch Zentrum zahlreicher Textil- und Chemiefabriken, sowie dem wichtigsten Hafen. Ohne den starken Regen trocknen weite Landstriche in dem agrarwirtschaftlichen Bundesstaat aus, das Wasser kann nicht gespeichert werden und das Vieh verdurstet. 2016 war z.B. so ein Jahr. Statistisch gesehen nimmt sich im Norden Maharashtras jeder achte Selbstversorger/Kleinbauer wegen Überschuldung, durch z.B. die Ausgaben für Pestizide, das Leben. Danach müssen sich die sogenannten „Bauern-Waisen“ mit fremder Hilfe und, wenn möglich, Krediten über Wasser halten. Dazu kommt die WTO-gepuschte Politik in Neu-Delhi, die die Lage nachhaltig verschlechtert hat. Wegen heruntergefahrener Subventionen und mickriger Importzölle konkurrieren die Bauern hierzulande mit Wirtschaftsgiganten, wie der USA oder der EU (unsere Produkte sind dagegen von Subventionen gestützt und Zöllen geschützt).

Koch es, schäl es, oder vergiss es! Jeder Dritte hält sich dran

Mit diesem Hintergrundwissen fiel es mir natürlich nicht sehr schwer, das Gute in dem Unwetter zu sehen. Nach gut drei Stunden, in denen ich lediglich meine nassen Klamotten aufgehängt und endlich mein Hab und Gut für die kommenden 4 Monate verstaut hatte, schickten mir sowohl Anupam als auch Amey in unserem WG-Chat auf meine neue Nummer endlich ein Update: Der Eine stapfte seit mehreren Stunden bis zur Hüfte im Hochwasser durch Mumbais Stadtteile, während der Andere in einem noch halbwegs unüberfluteten Teil östlich von Khar West im Verkehr festhing. Innerlich stellte ich mich auf die unentspannteste Nacht meines bisherigen 24 Jahre alten Daseins ein. Tuhina hatte mir vorsichtshalber noch ihren Hausschlüssel vor ihrem Abflug nach London weitergereicht – für den Fall, dass unsere Bruchbude unter den Wasserlasten zusammenbrechen würde. Gut, ich hätte im Ernstfall ja mein aufblasbares Kajak auspacken können und die eigentlich 30-minütige Rickshaw-Fahrt durch ein Meer aus Bakterien und Keimen in zwei Stunden easy paddeln können. Um 23 Uhr waren wir alle wieder vereint und bestellten ein bisschen Gemüse beim Händler nebenan, das ich mit Leitungswasser abwusch, dann aber schälte und zu einem Salat verarbeitete. Ihr wisst ja, cook it, peel it or leave it. Alle, die sich mal ein bisschen länger in Indien aufgehalten haben (oder alle, die einen gesunden Menschenverstand haben), können bereits erahnen, was mich während meiner kommenden Woche noch einholen würde. Alle anderen lassen sich bitte überraschen. Ich buchte einen Tag später meinen Flug nach Jaipur, Rajasthan – da war der Monsun schon vorbeigezogen, denn ich hatte noch eine knappe Woche, bevor mein SCHULWÄRTS!-Praktikum am Goethe Institut in Mumbai und einer internationalen Schule mit deutschem Sprachenprofil beginnen würde.

Diverse Freunde meiner Mitbewohner hatten mich subtilst darauf hingewiesen, nicht alleine in den Norden zu reisen. Neugierig packte ich also meine sieben Sachen und flog trotzdem – die besten Erfahrungen sind schließlich immer noch die Eigenen. Ob alleine in Maharashtra oder Rajasthan sollte wohl keinen großen Unterschied mehr machen. Um komplett alleine zu sein, muss man in Indien schon länger suchen.

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