Nur in China

Der Hashtag #NurinChina hat sich unter uns Goethe Stipendiaten, die in China waren inzwischen so sehr etabliert, dass er unter fast jeder Alltagsstory steht. Von Marcels und meinen Alltagsstories habe ich ausführlich berichtet. Einige Anmerkungen sind im chronologischen Erzählen trotzdem unter den Tisch gefallen oder wurden nur kurz angerissen, weshalb ich mich entschieden habe diesen Extrablogeintrag zu verfassen.

WeChat und QQ

Jeder hier hat WeChat, was nicht nur eine Kombination aus Facebook und Whatsapp ist, sondern noch viel mehr kann. Mit der Rubrik Moments teilt man Fotos und Statuseinträge, die wie bei Facebook kommentiert werden können und über die Chat Funktion verbindet man sich mit Kontakten, die man ganz easy über den Scan eines QR Codes dazufügt. Und man bezahlt mit WeChat. Man kann zum Beispiel seine Bank als Quasikontakt dazufügen, um einen Überblick, Überweisungen und andere Dienste bereit zu haben. Bezahlt wird über das Scannen eines Codes vom Wocheneinkauf übers Tablet und Taxi bis hin zur Nudelsuppe am Stand an der Ecke alles was man will. Selbst die Omi am Gemüsewagen hat einen ausgedruckten QR Code an ihrer Kasse kleben. QQ kann sogar noch mehr, denn es ist mit dem Rechner verbunden und bietet neben Messenger und Story Funktion noch eine Musik-App, eine Cloud, einen Emaildienst und vieles mehr an. Da kommt Deutschland mit seinen 80.000 verschiedenen Diensten nun wirklich nicht hinterher.

Rabeneltern oder notwendige Unterstützung?!

Chinesische Großeltern ziehen nicht selten das Enkelkind groß. Damit meine ich nicht, dass das Kind alle paar Wochen am Wochenende bei Omi und Opi bleibt und verwöhnt wird, sondern dass es häufig vorkommt, dass die Kinder etwa die ersten zwei Lebensjahre nicht bei den Eltern leben.

 

Spitze Kommentare

Gestern erzählte mir Megan, dass es argwöhnische Blicke hervorruft, wenn Frauen beim gemeinsamen Essen eine 2. Schüssel mit Reis nehmen. Die Schüsseln sind wohlgemerkt winzig. Auch sonst wird man von Freunden und Familie gern darauf angesprochen, wenn man etwas abnehmen könnte. Und von Bekannten und Arbeitskollegen.

 

Chinaqualität

Die allermeisten Gegenstände sind nicht für die Ewigkeit gebaut. Die allermeisten chinesischen Gegenstände sind nicht für 365 Tage gebaut. Die Qualitätsdefizite sieht man fast täglich und der Ausdruck „Chinaqualität“ fällt bei uns dementsprechend häufig. Dass ich schon das 4.Portemonnaie gekauft habe hatte ich erwähnt, oder?

 

Lärm

China ist sehr laut. Immer, überall, bei allem. Im Zug, im Bus, auf der Straße,… Die Menschen unterhalten sich untereinander oder am Telefon in schreiender Art und Weise. Viele Essgeräusche und andere Körpergeräusche, lautes Gähnen, Niesen Rotzen. Ein Grund, warum ich mich auf Deutschland freue.

 

Zugfahren in China

Allgemein gesagt habe ich das Gefühl es ist sicherer und komplizierter zugleich. Die per Handy gekauften Tickets müssen am Schalter mit einer digitalen Abholnummer ausgedruckt werden, wofür man seine ID Card/seinen Pass benötigt. Danach geht es in den Securitycheck und am Ende sitzt man mindestens 15 Minuten vor Abfahrt in der Wartehalle, bis man auf das leere Gleis darf. Kurzfristiges ankommen am Bahnhof kann man also vergessen. Der 50 minütige Puffer hat uns bei dem Massenandrang am Freitagnachmittag nicht gereicht, aber man kann die Tickets zugegebenermaßen schon Tage vorher abholen, wenn man denn Zeit hat.

 

Man unterscheidet zwischen angesehenen Schnellzügen (D), schleichenden K Zügen, Nachtzügen (T) und mysteriösen Zügen ohne Buchstaben, die ein wenig gefürchtet und auf jeden Fall nicht hoch angesehen sind.

 

Abgesehen von der schlechten Organisation an den Schaltern ist besonders das Fahren im Schlafwagen und in den Schnellzügen eine der entspanntesten und sichersten Reisemethoden in China, die ich in Deutschland wohl vermissen werde.

 

Ctrip bzw. jetzt Trip.com

Ohne Werbung zu machen eine der hilfreichsten Apps während des Praktikums. Nie war das Buchen von Zügen, Flügen und Hostels so komfortabel. Über Datenschutz zu diskutieren braucht man in China allerdings gar nicht erst anfangen.

 

Planung Made in China

Lieblingskategorie. Für die schon Monate vorher angekündigte und abgesagt Neujahrsfeier, die letztlich drei Tage vorher doch wieder ins Leben gerufen wurde, hatten die Schüler so gut wie keine Zeit sich ordentlich vorzubereiten und standen zusätzlich zu den ganzen Prüfungen ordentlich unter Stress. War das wirklich nötig China? Weitere Beispiele findet man in jedem meiner vorangegangenen Einträge. Und ich könnte mich jedes Mal wieder aufregen, wenn unnötig Stress und Arbeit produziert wird, denn oftmals müssen Lehrer, Schüler und Eltern durch diese Planungsunfähigkeit etwas von ihren privaten Ressourcen abzweigen. Wenn die Oma 2 Stunden anreisen muss, um das Kind von der Kita abzuholen, wenn Nüsse und Mandarinen aus der eigenen Tasche bezahlt werden, wenn bis nachts um 3 noch für das Stück geprobt wird, obwohl am nächsten Morgen eine Testvorbereitung beginnt – dann badet das stolze Volk Chinas Fehler der Vorgesetzten aus, die in sehr vielen Fällen hätten vermieden werden können.

Passendes Motto am Eingang der Nanfang
Passendes Motto am Eingang der Nanfang

Anekdote zum Thema: Marcel, sitzt schon 25min im Taxi „Nina hat den anderen nicht gesagt, dass ich alleine fahre also haben die bis gerade auf mich gewartet“

 

Bing

Ihr glaubt nicht wie gut es uns geht, Google als Standardsuchmaschine zu haben. Das chinesische Pendant baidu kann zwar in Bezug auf andere Dienste sehr viel mehr als Google, aber was den Suchalgorithmus betrifft liegen sowohl Yahoo als auch baidu und Bing weit hinter Google. Vor allem Bing. Ach, Bing. Bei der Vorbereitung meiner Stunden bin ich aufgrund des üblichen Einsatzes einer Power Point Präsentation auf Bilder angewiesen, die ich zuerst aus dem Internet ziehen muss. Und ein passendes Bild zu finden dauert bei google 3 Sekunden, bei Bing 3 Minuten – wenn man denn eines findet. Hier die kuriosesten Ergebnisse von bing:

·         Suchbegriff: China Hahn, Ergebnis: Portraits blonder Frauen in ihren Dreißigern bis Vierzigern

·         Suchbegriff: America, Ergebnis: eine Weltkugel, ein Fußball mit „CA“, eine gelb-blaue Flagge mit demselben Logo und neben einigen Karten des Staates viele Personen. Keine Sehenswürdigkeiten, nichts Typisches.

·         Suchbegriff: Englischer Buchtitel und Nachname eines Autors, Ergebnis: Zeitungsbeiträge die Substantive des Titels in völlig unsortierte Reihenfolge enthalten

 

Anstellen

Auch typisch für China sind unterschiedlich lange Schlangen an Kassen und Automaten. Hierfür habe ich keine Erklärung, es kann aber auch gut sein, dass ich dieses mysteriöse System einfach nicht verstehe. Was ich durchaus verstehe ist das friss oder stirb Denken, das hier viele Leute teilen. Anstellen ist nämlich recht untypisch in China, meistens wird sogar bei der U-Bahn trotz eindeutiger Markierungen gnadenlos gedrängelt und keiner der aussteigenden Fahrgäste beachtet.

 

Westliche Feiertage

Den all-time Weihnachtsklassiker „Last Christmas“ habe ich in diesem Jahr auch am 3.1. noch gehört. Neuer Rekord. Auch am 6.1. sieht man überall noch die Weihnachtsdeko, aber keine chinesische Familie feiert Weihnachten.

 

1 Person, 1 Aufgabe

„Das habe ich nicht gelernt“ Prinzip. Jeder erlernt eine Aufgabe und wenn es ein Problem gibt oder die Anfrage minimal vom Üblichen abweicht sind die allermeisten ratlos. Oft sieht man außerdem etwa 3 Chinesen arbeiten und 10 weitere daneben stehen. Vielleicht können die 3 mehr als eine Aufgabe und deshalb hat der Rest nichts mehr zu tun. Gesunder Menschenverstand, Problemlösefähigkeit und Logik sind leider Kompetenzen, die nicht vermittelt werden. Dass abgelaufene Zugfahrkarten (weil man den Zug durch das anstellen verpasst hat) ohne Kommentar ausgedruckt und ausgestellt wurden, ist übrigens nicht nur uns, sondern auch Oby und Megan schon passiert. Da hat der Informationsimpuls wohl den Sprung zur nächsten Synapse nicht geschafft.

Generell sind viele es wohl gewohnt einfach nur zu folgen, statt selbst zu denken. Wenn die Stadt voll ist stehen alle paar Meter Polizisten, die den Weg absperren. Absperrbänder hätten den Job zwar genauso hinbekomnen, nur wäre da sicher jemand unerlaubt drüber geklettert. Die Polizisten jedenfalls müssen sich doch zu Tode langweilen.

 

Busfahrregeln für Chinesen

·         Durchrutschen

·         Nicht im Türbereich stehen bleiben

·         Älteren Menschen und Schwangeren den Platz anbieten

·         Beim Aussteigen weiter gehen

·         Gepäck sicher verstauen und nicht in den Weg stellen

 

Wird alles konsequent ignoriert.

 

Straßenverkehr

Chaos. Jeder fährt wie er will, keinen interessiert es und die Polizei macht nichts. Geisterfahrer sind genauso alltäglich wie Auffahrunfälle, bei denen jeder nach 2 Minuten Meckern seiner Wege geht. Dabei ist jeder tiefenentspannt.

 

Einfach nur zum Kopfschütteln

Sprachnachrichten im Club versenden. Zugegeben, ich habe auch Megan bei dem Versuch beobachtet, dabei war sie nicht mal angetrunken. Sinn macht diese Aktion für mich trotzdem nicht.

 

Taschen auf Stühle

Lieber stehen Chinesen und legen ihre Taschen und Rucksäcke auf die freien Stühle, als diese auf den Boden zu stellen. Vermutlich aus Tradition oder Gewohnheit, denn beim Essen auf großen Feiern wird der Boden tatsächlich super dreckig, da immer alle alles nach unten werfen. Auch aus fahrenden Autos oder auf offener Straße wird fallengelassen was man in der Hand hält und nicht mehr benötigt und Kinder werden zum Pinkeln auf die offene Straße gesetzt.

 

Jegliche Wege fressen Zeit ohne Ende

Großes Land, volle Städte und viele Menschen. Selbsterklärend.

 

Vordränglermentalität

Wie schon im Bus und beim Anstellen: jeder drängelt und die Weggedrängten reagieren mit Gelassenheit/Gleichgültigkeit und Zurückdrängeln. Aber nie habe ich gesehen, wie jemand zurechtgewiesen wird oder meckert.

 

Streetfood

Essen an Ständen an der Straße findet man überall. Für fast kein Geld bekommt man eine breite Auswahl an verschiedenen (oftmals fettigen) Gerichten, die frisch zubereitet werden und zu den drei Tageszeiten, zu denen normale Menschen etwas essen würden, ausgefahren werden. Wenn man wie wir gegen 15 oder 16 Uhr etwas möchte hat man allerdings Pech. Trotzdem schafften wir es uns durch das Angebot durchzuprobieren und abgesehen vom Stinketofu hat alles sehr gut geschmeckt.

Auch der bis spät erreichbare Obstmarkt ist großartig. Dort gibt es bei uns zusätzlich noch Nüsse und Süßkartoffelchips.

Das Beste aus 90er, 2000er und das Beste aus 2010

Popsongs der westlichen Länder, allen voran Amerika, sind in China natürlich auch sehr beliebt, aber vor allem Lieder, die vor etwa 5 Jahren aktuell waren. Der Weg ist eben weit. An Taylor Swift und das Lied „Dream it possible“ kommt man nicht vorbei. Green Day sind hier auch noch aktuell. Ein Hauch von Nostalgie trifft man also immer wieder.

 

Obst schälen

Mein Highlight aus dieser Kategorie ist das schöne von Weintrauben. Die sind hier zwar auch immer groß und nicht klein und kernlos, trotzdem wäre mit dieser Aufwand echt zu groß. Orangen werden oft wie Pomelos ohne Haut gegessen. Letztere haben eine bittere Schale, aber bei prägen versteh ich das wirklich nicht. Pulen gehört in China zum Essen einfach dazu. Sonnenblumen- und Melonenkerne isst man auch indem die Schale zuerst abeknibbelt wird.

 

Hupen

Siehe Verkehrschaos. Hupen heißt „geh weg, ich werde nicht für dich bremsen“.

 

Tanzen

Jeden Abend sieht man in den Parks, den freien Plätzen und auf den Sportfeldern Menschen, die sich zum Tanzen oder Taiji versammelt haben. Ganze Gruppen teilen sich auch den Platz vor dem Shennong Tower mit der Statue des Gründers. Für so viel Öffentlichkeit schämen sich die Deutschen viel zu sehr.

 

Chinesen können überall schlafen

5 Minuten Busfahrt, 30 Minuten Mittagspause, Unterricht, Wache im Häuschen, Essensstand mitten in der Millionenstadt ganz egal, Chinesen schlafen überall. Bewundernswert und seltsam zugleich.

 

Besucher

Ying erzählte mir am letzten Wochenende, dass sie am Abend ihre Schwiegereltern abholen wird. Wie lange sie bleiben würden wisse sie allerdings nicht, denn in China fragt man sowas nicht. Kurz nachdem sie aus Deutschland zurück kam machte sie einmal den Fehler bei ihrem Mann nachzufragen, worauf der aufgebracht und angewidert entgegnete, ob sie denn seine Eltern nicht mochte. Die hier übliche Planung hatte Ying sich in dem Auslandsjahr angewöhnt und die chinesischen Verhaltensweisen kurz

 

Kurzes Resümee nach knapp 4 Monaten in Zhuzhou:

Was ich nicht vermissen werde

·         Verkehrschaos

·         fettiges Essen

·         auf die Straße rotzende Menschen

·         schlechte Organisation zulasten der engagierten Schüler und Lehrer

·         sprachbedingte Unselbstständigkeit bzw. immer auf Hilfe angewiesen zu sein

·         den Smog, der bei Marcel und mir zu ständigem Husten führte

·         fehlende Heizungen bzw. die Luft aus den Airconditioner, die uns ständig krank werden ließen

·         „das hat mir niemand beigebracht“-Denke bzw. fehlenden gesunden Menschenverstand/Problemlösefähigkeit

 

Was ich vermissen werde

·         In großer Runde chinesisch zu essen, weil dort viele Gerichte bestellt und alle geteilt werden. Je mehr Leute teilnehmen, desto                variantenreicher ist das Essen.

·         Zug fahren, vor allem im Nachtzug

·         Taxi fahren in Zhuzhou

·         die Gelassenheit mit der Chinesen durch den Alltag gehen, obwohl beispielsweise überall gedrängelt wird

·         die Lebensfreude, die man wahrnimmt wenn man Taiji- oder Tänze-praktizierende Menschen überall in der Stadt beobachten                   kann

·         die Gastfreundschaft und selbstverständliche Offenheit und Hilfsbereitschaft der Chinesen

·         die Nudelsuppe vom no-Koriander-Nudelmann um die Ecke

·         meine Schüler

·         die Menschen, die mir das Leben in China nicht nur einfacher gemacht haben, sondern das Praktikum zu einer unvergesslichen             Zeit werden ließen

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Wunderbares und kurioses aus Zhuzhou

Blick über Zhuzhou
Blick über Zhuzhou

Innerhalb unserer ersten Woche ist uns schon so manche Kuriosität begegnet, von der ich gern berichten würde. Ich werde keine Vergleiche zu Deutschland ziehen und versuchen, keine Wertung in meinen Bericht einfließen zu lassen. Dennoch finde ich den Alltag hier zu spannend, um ihn nicht zu teilen.

 

Die Sache mit der Ausländerbeliebtheit

Heute lernte ich die letzte neue Klasse meines Englischunterrichts kennen und obwohl ich die Einführungsstunde inhaltlich immer gleich gestaltete, verlief auch diese ein wenig anders. Die Fragen zu meiner Person kamen zum Beispiel erst in der Traube an Schülern, die mich nach dem Unterricht umrang. Den dafür eingeräumten Slot im Unterricht nutzte nur eine Schülerin. In allen Klassen gleich war jedoch, dass ich zu Beginn mit Applaus im Klassenraum empfangen wurde. Diese enorme Begeisterung, die uns als Ausländern entgegen gebracht wird, ist nicht leicht zu begreifen. Meine Reaktion ist meistens folgende: Lächeln, bedanken und erklären, dass ich noch nichts besonderes geleistet habe, um den Applaus verdient zu haben. Vor allem junge Schülerinnen und Schüler schauen uns hinterher, wenn wir in der gemeinsamen Mensa essen oder über den Campus laufen. Doch auch die älteren tuscheln, winken, halten in ihren Gesprächen inne und schauen nochmal um die Ecke, um einen zweiten Blick zu erhaschen. Dass ungewohnt aussehende Personen Aufmerksamkeit erregen, ist nur natürlich, aber zu dieser durchweg positiven Reaktion habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Ich hoffe, dass ich während meiner Zeit hier einen Draht zu den Schülern bekomme um ihnen zu zeigen, dass mich meine Erscheinung nicht zu einem besseren Menschen macht. Meine QQ Nummer wollen trotzdem fast alle haben. (Anm.: da facebook und Whatsapp hier nicht funktionieren, haben sich hauptsächlich WeChat und QQ als soziale Medien durchgesetzt)

 

Volksrepublik China

Das lässt mich zu einem allgegenwärtigen Thema kommen: In China leben sehr viele Menschen. Individualität ist ein Gut, welches hier wohl oft den Kürzeren ziehen muss, damit die Gesellschaft funktionieren kann. Das geht los bei dem für europäische Augen konfusen Verkehrssystem und endet bei der Klassengröße von 50 Schülern. Eine Folge ist, dass Geduld, Respekt und Fleiß Tugenden sind, die in Form von Sprüchen an den Wänden des Schulhauses hängen. Der Unterricht kann sich nicht mit jedem Einzelnen befassen, deshalb sind Fleiß und Disziplin notwendig um nicht auf der Strecke zu bleiben. Respektvoller Umgang miteinander ist die Grundlage für eine harmonische Klasse, die jeden Tag bis zu 10 Stunden miteinander verbringt. Wer sich später auf einen Universitätsplatz bewirbt ist nur einer von sehr vielen, weshalb es an meiner Schule auf dem Stundenplan nach 9 Stunden Unterricht noch eine feste Zeit für das Selbststudium gibt.

 

Safety first

Das Einzige, dem ich neben Verwunderung auch mit völligem Unverständnis begegne, ist die Einstellung zur Sicherheit. Im letzten Eintrag habe ich ja schon von meiner hervorragend funktionierenden Dusche auf Erdgasbasis berichtet, bei deren Gastank wohl der Verschluss nicht so ganz dicht war. Heute stellte sich heraus, dass bei meiner Nachbarin aus dem Boiler Wasser heraus läuft, wenn sie duscht. Und damit meine ich nicht tröpfelt, sondern fließt. Die Einschätzung des Technikers: Morgen lieber mal nebenan duschen, der Boiler fängt sonst vielleicht noch Feuer. Der zu Hause aufgrund der übervorsichtigen Einstellung als Floskel verwendete Ausspruch "Safty first" entwickelte sich hier bei Marcel und mir zu einem running gag mit bitterem Beigeschmack. Den frühen Abend verbrachte ich im Übrigen damit im Dunkeln die Wäsche aufzuhängen, da mein Versuch den Wasserspender anzuschließen in einem Stromausfall endete (die Wäsche war schon seit Stunden fertig). Als Erklärung erhielt ich die Antwort, der Strom für den heutigen Tag wäre wohl aufgebraucht. Naja, ich fand letztlich die richtige Sicherung und habe nun auch wieder Licht.

Alltagsüberraschungen

Abgesehen von dem vielen Regen ist es auf unserem Campus gerade wirklich schön. Überall blühen Bäume, die einen blumigen Geruch verbreiten und als gelbe oder orange Blütenpracht das Grau des abgasbedingten Nebels aufhellen. Meine Betreuerin erklärte mir, dass diese Bäume eigentlich Ende August zum Mondfestival blühen, aber dieses Jahr zu spät dran sind. Glück für mich.

Der Alltag ist häufig voll von Überraschungen, so lernte ich heute, dass die Matratzen eine harte und eine weiche Seite haben. Meinem Rücken zuliebe, werde ich sie morgen mal wenden...

 

Abenteuer Taxi

Um von Marcels zu meinem Campus zu gelangen, musste ich mir am Morgen ein Taxi anhalten. Ob dieses frei oder gerade belegt ist, erkennt man in der Regel an dem Lämpchen, welches entweder leuchtet oder eben nicht. Vielleicht gibt es solch eine Regel auch hier, doch wenn, dann habe ich sie noch nicht durchschaut. Es hupte mich jedenfalls ein besetztes Taxi auf der Gegenspur an, welches fünf Minuten später tatsächlich zu meinem Standpunkt zurückkehrte, um mich zum gewünschten Ziel zu fahren. Dass es dafür kurzzeitig als Geisterfahrer unterwegs war und ein hollywoodreifes Wendemanöver hinlegte, sei hier mal außer Acht gelassen. Die Schriftzeichen mit der Adresse des Zielortes habe ich übrigens als Foto auf meinem Handy. Ich kenne inzwischen einige Tricks, die Analphabeten bekannt vorkommen dürften.

 

Von der Kampfkunst der Philosophen und der, der Schulen

Letzte Woche wurde ich wie nebenbei zum täglichen Tai Chi Training zwischen der 3. und 4. Stunde eingeladen. Heute eröffnete man mir, dass aufgrund des nahenden Wettbewerbs eine zweite Einheit pro Tag eingeführt wird, sodass wir uns heute Nachmittag in einem Raum der Turnhalle zum Intensivtraining trafen. Mir ist nicht nur bewusst geworden, wie wichtig jede einzelne Bewegung der langsam ausgeführten Übungen ist (und wie viele falsche Varianten es in der Ausführung gibt), sondern auch welche Rolle Wettbewerbe hier spielen. Marcel berichtete mir schon von einem Belohnungssystem einer seiner Grundschulklassen, in der die gewinnende Bankreihe den verlierenden Reihen Punkte klauen konnte, um den eigenen Vorsprung auszubauen. Weiter wurde von meiner Lehrerin der Vorschlag an ihn herangetragen, mit den Schülern für den Chorwettbewerb ein deutsches Lied einzustudieren (dieser Vorschlag wurde heute an seiner Schule wiederholt). Und für den Tai Chi Wettbewerb wird eben extra hart trainiert. Während Studien anderswo noch untersuchen wie sich stark ausgeprägtes Konkurrenzdenken auf das Selbstbewusstsein von Teenagern auswirkt, wird an den chinesischen Schulen schon auf den nächsten Wettbewerb hingefiebert.

 

Ein Lächeln bringt dich weiter

Generell ist zu sagen, dass ich es selten erlebt habe, wie hilfsbereit und großzügig uns als Gästen begegnet wird. Es wird sich immer Zeit genommen und meistens muss ich beteuern, dass die Lösung des Problems nicht sofort beschafft werden muss. Bei jeglichen Fragen kann ich mich sofort an sieben verschiedene Menschen wenden, wobei die Zahl nur aufgrund der Sprachbarriere und meiner kurzen Zeit hier so klein ist. Auf dem Campus hilft mir sofort jeder Schüler, wenn ich einen Raum nicht finde oder ein Problem habe und generell wird einem nicht nur mit Neugier sondern immer auch mit einem freundlichen Lächeln begegnet. Vieles ist ungewohnt für mich, aber ich blicke immer auch mit Freude auf den kommenden Tag.

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