Vom südbadischen Hochsommer – was anderswo so passiert Mumbai in der Regenzeit

Frankfurt – Delhi/Delhi – Mumbai 

Ein etwas unsafter Stupser von der linken Seite riss mich aus meinen Träumen, an die ich mich natürlich dank der Art und Weise des Aufwachens nicht mehr zu erinnern vermag. Mein Freund aus Amritsar deutete mit seinem goldbestückten Zeigefinger auf meinen ausgeklappten Tisch. Ein zerknittertes DinA5 Blatt wartete auf mich, um ausgefüllt zu werden. Eine "Customs Declaration" um diese Uhrzeit? Ich schielte verschlafen nochmal kurz auf meine Armbanduhr, richtete mich ungelenk aus meinem mir nach Abflug gebautem Nest auf und zückte einen Stift, um meinen Verpflichtungen nachzugehen. Ausgefüllt soweit ich nur konnte, verstaute ich das essenzielle Stück Papier in meinem Reisepass und lies mich wieder zurück gegen das Gebrumme des Motors hinter dem Fenster sinken. Ich schätze diesen Umstand auf circa 3 Minuten Tiefschlafphase ein, da stupste es wieder von der Linken. Das Frühstück. Für eine echte Tiefschlafphase hat es glaube ich doch nicht ganz gereicht, es war 3:17 Uhr. Ich konnte meine Verblüffung, so drücken wir es jetzt mal aus, nicht gänzlich unterdrücken. Ich zähle zu jenen Individuen für die das Einschlafen im Sitzen zu einem Accomplishment gehört und daher nicht kampflos aufgegeben werden kann und darf. Da ich aber für Mahlzeiten bekanntlich immer etwas übrig habe, lächelte ich meine Sitznachbarn müde an und machte mich über meine letzte, mehr oder weniger authentische, europäische Flugzeugverkostung her.

Wohnungssuche á la Freiburg

Der Freund eines Freundes Bekannten Freundes hatte sich bereiterklärt, mich vom Flughafen in Mumbai abzuholen. Treffpunkt Starbucks, eine internationale Konstante, die jeder (Allein-) Reisende sicherlich für sich schon einmal entdeckt hat. Im Starbucks gibt es Wifi, angenehme Sitzmöglichkeiten und eine Toilette, wenn man sich denn zu einem genießbaren Kaffee hinreißen lässt. Alles Annehmlichkeiten, die ich nach meiner Landung dringend nötig hatte. Gut, dass dieser kein Wifi hatte. Eine höchst befreiende Erfahrung, wenn man nicht gerade versucht, bestimmte Menschen zu treffen. Danke Mama, dass du mir beigebracht hast, wie man auf fremde Menschen offen zugeht, sie kurz freundlichst um ihr Handy bittet und sich so aus der Patsche hilft. Wahrlich ein nützliches Talent. Amey, besagter Freund eines Bekannten und so weiter, hatte zwei Wochen vorher Geburtstag gehabt. Ich hatte ihn in genau dieser frohlockenden Stimmung am Telefon erwischt und er bot mir direkt ein Zimmer für meine erste Zeit in Mumbai an. Für einen kurzen Moment schossen mir allerlei Warnsignale durch den Kopf: eine Frau, die mit zwei Männern zusammenwohnt…in Indien? Bei allem was die Medienlandschaft so herzugeben hatte, eine waghalsige Idee. Da es sich um den Kontakt eines Indien-affinen Freundes handelte, nahm ich dennoch dankend an. Ähnlich wie in deutschen Städten mit Traditionsuniversitäten zu Beginn des Wintersemesters ist die Wohnungssuche in Mumbai recht angespannt. Hinzu kommt, dass die meisten Zimmer entweder ausschließlich für Männer oder Frauen ausgeschrieben werden und eine Zwischenmiete von den Vermietern ungern gesehen ist. Typisch durchschnittsdeutsch hatte ich mich schon früh um ein Zimmer bemüht, war aber eben immer wieder an der besagten Drei-Monatshürde gescheitert. Liebe angehende SCHULWÄRTS!-StipendiatInnen: Alles ist möglich – mit Geduld und Flexibilität. Wenn es den einen oder anderen nach Mumbai verschlagen sollte, biete ich hiermit gerne mein zwischenzeitlich angeeignetes Know-How an! 

 

Amey hatte Tuhina zum Flughafen mitgebracht. Mit ihrer weißen kurzen Latzhose und runden Harry Potter Hippie Sonnenbrille umarmte sich mich entschlossen und grinste mir genauso verschlafen entgegen. „Du siehst so aus, als hättest du genauso wenig geschlafen wie wir.“ Ein wenig stereotyp-behaftet war das für mich fast so etwas wie eine schriftliche Urkunde: die zwei sind verheiratet (sind sie nicht). Es ist aber tatsächlich bis dato immer noch traditionell im Denken verankert, dass man nicht mit seinem Partner im gleichen Zimmer nächtigt, ohne vorher sein komplettes Vermögen in eine pompöse 600-Mann (und -Frau) Hochzeit investiert zu haben. Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich mich in einer Millionenstadt befinde und Generationen, die von sozialen Medien beeinflusst werden, flexibler denken. Dazu aber später mehr. Wir bestellten Paranthas, eine Art gefüllter indischer Pancake, den ich mit einer Hand zu essen versuchen sollte. Ich fühlte mich sofort zu Hause.

Mit den beiden teile ich nicht nur den Gasherd sondern auch meine gesamte deutsche Schokolade, Anupam und Amey
Mit den beiden teile ich nicht nur den Gasherd sondern auch meine gesamte deutsche Schokolade, Anupam und Amey

Erstes Wochenende – Segelturn in Maharashtra

Abends entschieden wir recht spontan über das Wochenende Richtung Lonavala rauszufahren. Mein Jetlag versuchte ich gekonnt fürs Erste zu ignorieren. Ich berichte von den folgenden zwei Tagen mal kurz im Schnelldurchlauf: Nach fünf Stunden Schlaf durfte ich meine erste Kokosnuss zum Früh-Frühstück genießen. Man kann sich das in Mumbai selbstverständlich morgens vor die Haustüre liefern lassen. Wir fuhren gute 100 km durch die “Berge”, von einer Autobahn kann hier allerdings nicht die Rede sein, ich fragte mich, was wir in der Autoproduktion falsch gemacht haben, dass eine Deutsche ihr Gefährt niemals über diese Schlaglöcher jagen würde. Ich tippe ausnahmsweise mal auf die unwahrscheinlichere Option, ein anderes Mindset. Um sich den einen oder anderen Wirbel regelmäßig wieder einrenken zu können, kann man alle paar Kilometer kurz anhalten, einen Chai, Samosas oder andere landestypische Köstlichkeiten genießen. Die Jungs bestellten eine Art Masala, dazu verschiedene Chutneys und Gemüsesorten, die durch das tiefe Frittieren ins Unkenntliche geraten waren.

 

Toiletten für Alle – 101

Kurz vor Weiterfahrt war es dann soweit: das Kokosnuss und der ganze Chai ließen mich auf der Stelle tanzen. “Is that the queue for the washrooms?,” fragte ich von einem Bein auf das andere tänzelnd. "Trölf" Damen mit roten Punkten zwischen den Brauen nickten langsam während sie meine Elefanten-Yoga Leggins von oben bis unten musterten. Endlich in einer Kabine, den Riegel sorgfältig vorgeschoben, bereit die Schwebeposition zu sichern, hielt ich überrascht inne: die Toilette. Ohne äußeren Lichteinfall konnte ich lediglich Umrisse erkennen. Mit einem Mal war mir klar, warum Yoga nur aus Indien stammen konnte. Ich hatte schon von etwaigen Konstruktionen gehört und sie machte ja auch irgendwie Sinn. Schon Gandhi hatte seinen Landsleuten empfohlen immer einen Klappspaten bei sich zu tragen, sodass die hygienischen Zustände sich nicht intensivieren würden. Da war das ja noch die elegantere Variante. Ein in den Boden eingelassenes Loch mit einem Kännchen Wasser erforderten also einen routinierten Handlungsablauf von mir. In meiner WG in Mumbai haben wir zwei Toiletten, Western style, weswegen mir diese Konstruktion bis dato nicht begegnet war. 

 

Obwohl seit Jahren eine Menge Geld nach Indien fließt, hockt sich immer noch jeder Zweite einfach draußen hin, auf Bahngleisen, Feldern oder an Flüssen. Im Vergleich dazu haben von 1,3 Milliarden Einwohnern 1 Milliarde einen Handyertrag, wovon ein Viertel bereits ein Smartphone registriert hat. Die preisgünstigen Geräte mit erstaunlich guter Vorderkamera-Qualität und einer Menge Applications gibt es bereits für 3,50 Euro (aye, richtig gelesen). Mein Handyvertrag mit 1GB pro Tag kostet mich übrigens knappe 7 Euro pro 28 Tage.

 

Im Folgenden eine kurze Einführung für oben beschriebene Entwicklung: Sari oder Lungi lupfen, Füße rechts und links platzieren, in die Hocke gehen (Achtung für alle Menisken-geschädigten, Sportler mit Kreuzbandrissen oder Arthrose, also ja, genau, Achtung für Fußballer: für Euch hat Indien leider noch keine Alternative vorgesehen) und letztlich entspannt nach vorne schauen. Schließlich wurde mir auch klar, warum es im Englischen keine passende Übersetzung für “stilles Örtchen” gibt (ich habe das für alle Linguisten kurz recherchiert). In Indien haben übrigens nur Spitzensportler jede Menge Lucky Luke und Asterix & Obelix Zeitschriften auf Kopfhöhe platziert, für alle anderen fehlt da leider die Ausdauer in der Kabine für eine anständige Klokultur. Zum Abschluss der Intro-Session möchte ich kurz noch die ewige Toilettenpapier-Debatte aufgreifen. Was bei uns jetzt gerade in Mode kommt, ist hier seit den Vedas schon gang und gebe: Wasser statt Papier. Nicht nur hygienischer, sondern auch umweltfreundlicher. Wenn es denn mal soweit ist, einfach mal nach einem Kübel Wasser umschauen. Was man in einer “Autobahn-“ Raststätte natürlich nicht findet, sind die viel praktischeren Handbrausen. Man erkennt den Touristen daher immer an dem Wasserfleck im Schritt und ggf. der komplett nassen, restlichen Kleidung; der Schlauch ist so sensibel zu handhaben wie die Kupplung beim Anfahren am Hang. 

Mumbaikars, Bombayites, und Mumbaiwallas – eine Stadt, viele Bewohner

Durch das hohe Verkehrsaufkommen waren wir super spät dran, was allerdings niemanden vor Ort groß zu tangieren schien. Wer hätte gedacht, so schreibt der indische Fettnäpfchenführer, dass gar Bertold Brecht mit den “indischen Gepflogenheiten” vertraut war: “Ja, mach nur einen Plan, sei ein großes Licht. Und mach dann noch nen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.” Pläne lassen sowieso zu wenig Raum für Kreativität und Flexibilität. Recht hat dessen Autorin Karin Kaiser (siehe Blog Numero Uno, 2. Foto), den Eindruck habe ich bis dato auch gewonnen. (Stichwort: Indian Flexible Time). Auch wenn Mumbai eine sehr schnelllebige Stadt ist, sind die meisten eben nicht in Bombay aufgewachsen, wie man die 22 Millionen Stadt auch liebevoll betitelt. Der politisch korrekte Unterschied: Der Name Bombay geht auf die Kolonialzeit zurück. Bon Bahia ist portugiesisch und heißt so etwas wie „schöne Bucht“. Nachdem die Hafenniederlassung der Portugiesen gute 350 Jahre später, im Jahre 1995, von einer nationalistischen Partei angeführt regiert wurde, änderte man geschickt ein paar Buchstaben ab. Mumbai setzt sich also aus der Göttin „Mumbadevi“ und „Aai“, Marathi für „Mutter“ zusammen. Tadaa, offiziell betitelt man diesen wundervoll verrückten Flecken Erde also Mumbai (beim Visa aufpassen). Bombay dagegen ist da, wo man verweilt, wo gelebt wird, da, wo der populäre Bollywood Klatsch über einem Chai diskutiert wird und man abends am Marine Drive sein Bierchen unauffällig genießen kann.

Tatsächlicher (Segel-) Turn

Trotz fünf Stunden Schlaf (ha!) zeugte meine Ausstrahlung mit jeder Faser dem verschobenen Tag-Nacht-Rhythmusdurcheinander, sodass Amey mich in der Theorieeinheit zweimal amüsiert in die Seite boxte um mich wieder aufzuwecken. Eine ordentliche Portion Neurohormone hielten mich aber dennoch irgendwie den ganzen Tag auf Trapp. Lediglich dieses eine Mal, als ich der Sonne entgegen lachte und mich für einen kurzen Moment so fühlte wie Laura Dekker nach gelungener Atlantiküberquerung, holte mich der Schlafmangel ein. Ich ließ die Ruderpinne los und riss meine Arme etwas unüberlegt in die Luft. Infolgedessen verlor ich kurzerhand die Kontrolle über mein Segel, das Ruder und letztlich auch mein Gleichgewicht. In Zukunft werde ich mehrere Tage vor meiner Abreise meine Zubett- und Aufstehzeiten dem hiesigen Zyklus annähern, dann stößt mich sicherlich auch kein Galgenmast mehr vom Boot.

 

Monsun-Saison

Wenn ich mich so zurückbesinne, ist es mir ein Rätsel, warum ich mir keine Erkältung zugezogen hatte. Die ganze Woche hatte es schon in Strömen geregnet und es war, zu meiner Ernüchterung, bis auf weiteres auch keinerlei Besserung in Sicht. Immerhin war der Regen gefühlte 28 Grad warm. Auf meinem Ein-Mann-Topper fühlte ich mich wie Davy Jones auf der Flying Dutchman im zweiten Teil der Disney-Pentalogie „Fluch der Karibik“. Weil mein Bruder und ich als Kinder "Was Ist Was" inhaliert haben, hier ein kurzer Auszug, sodass wir alle die Hintergründe des heftigen Monsuns in Mumbai und Umgebung nachvollziehen können. Alle, die in der Schule besonders gut aufgepasst haben, nach dem kursiv gedruckten geht’s weiter: 

 

„Im Sommer erhitzen sich die asiatischen Landmassen durch die starke Sonneneinstrahlung. Über dem Festland steigt warme Luft auf, der Luftdruck sinkt. Auf dem kühlen Meer dagegen herrscht hoher Luftdruck. So entsteht ein Wind, der vom Indischen Ozean zum Land weht. Dadurch kommt es im Sommer zu starken Regenfällen. Dagegen bringen die Winterwinde, die aus dem Nordosten kommen trockene Luft ins Land. Darum regnet es von Oktober bis Januar kaum. Auf dem indischen Subkontinent fallen während des Sommermonsuns 78 Prozent des gesamten Jahresniederschlages. Deshalb ist dieser Monsun im Normalfall auch lebensnotwendig für die Menschen und die Natur“ (Internetquelle: Was Ist Was, unter: https://www.wasistwas.de/archiv-wissenschaft-details/der-monsun.html, (abgerufen im Dezember 2017).

 

© Bildungsserver Hamburg. Link: http://bildungsserver.hamburg.de/ozean-und-klima/4337334/enso-indien-artikel/
© Bildungsserver Hamburg. Link: http://bildungsserver.hamburg.de/ozean-und-klima/4337334/enso-indien-artikel/

Pizza und Indian Barbecue

Am Abend zogen wir weiter zu einem himmlischen Restaurant auf einer Bambuskonstruktion (siehe Fotos). „The Oven“ lag auf dem Weg zu unserem Campingplatz, irgendwo im Nirgendwo. Typisch asiatisch bestellten wir alle halbe Stunde eine Handvoll Pizzen, die in der Mitte des Tisches Platz fanden und von uns allen gleichermaßen vernichtet wurden. Wir blieben vier Stunden. Richtig impliziert, die Menge an Pizzen war unmenschlich, aber nach dem langen Tag unter Wasser lebensnotwendig. Der Abend wäre nicht perfekt gewesen, wenn nicht eins unserer Autos im tiefen Matsch stecken geblieben wäre und der Inhaber persönlich im weißen Hemd beim Herausziehen geholfen hätte. Weil wir und die gesamte Belegschaft nach einem einstündigen Kampf aufgeben mussten, bot man uns an, sich bei Ihnen aufzuwärmen und gar zu nächtigen; die andere Hälfte der Belegschaft würde uns morgens um 6 Uhr mit einem Jeep das Auto rausziehen. Um Mitternacht erreichten wir leicht erschöpft den Campingplatz. Ich hatte mich innerlich schon auf eine kurze Nacht auf hartem Untergrund vorbereitet. Als wir ankamen erwartete uns aber ein gutgelaunter Host namens Clement mit frisch mariniertem Gemüse und Hühnchenfilets, selbstgemachter Knoblauchbutter, und glühend heißem Chai Tee. Durchnässt und alles andere als ausgehungert vermochten wir die unheimlich einladende Gastfreundschaft dennoch nicht abzulehnen. Wie oft bekommt man auch schon, umgeben von Reisfeldern, ein authentisches indisches Mitternachtsbuffet mit lieben Menschen geboten? Der morgige Tag würde schon noch selbst für sich sorgen, dachte ich fast schon leicht benebelt vom Schlafmangel. Es war Ende August und ich mochte die Lagerfeuerstimmung. Fast wie zu Hause.

"The Oven"
"The Oven"

Ganesh – der, der mit den Elefanten spielt, der Gott der Weisheit, Bildung, Wissen, etc. 

Zurück in Bombay verfiel ich in einen eintägigen Schönheitsschlaf. Als ich ein Tag später wieder erwachte, erhielt ich eine E-Mail vom Auswärtigen Amt, mit der dringenden Empfehlung das Haus den Tag über nicht zu verlassen. Zeitgleich kam eine Nachricht von Amey rein, alle Schulen würden geschlossen bleiben und Arbeitgeber angehalten, ihre Mitarbeiter spätestens nach 15 Uhr nach Hause zu schicken. Mumbai war lahmgelegt. Genauso unser Wifi-Router, der besonders bedacht platziert war – nämlich direkt unter dem einzigen Fenster im Haus, das bis dato undicht ist – wohl die einzige Stelle im Haus, die im strömenden Regen wie ein Springbrunnen fungiert und mir angenehme Plätschergeräusche bei Nacht beschert hatte. Der stärkste Regen seit 12 Jahren ließ eines der wichtigsten Hindu-Festivals „Ganesh Chaturthi“, das Ende August, besonders in Mumbai, zehn tagelang zelebriert wird, ins Wasser fallen. Dies war auch einer der Hauptgründe, warum es mich eine gute Woche vor Praktikumsbeginn schon nach Mumbai gezogen hatte. Lord Ganesh, die bei uns wohl am weit-verbreitetsten indische Gottheit, wird 10 Tage lang mit Poojas (Riten) und Paraden gefeiert. Als Tourist kann man sich entweder wild unter die Menge mischen und/oder Puja-Hoppen, d.h. von einem Ganesh zum Nächsten ziehen und wie an Fasnacht alle Süßigkeiten einsammeln (und direkt vernichten). Zum Ende hin wird der Gute dann im Meer ertränkt (wir haben das ganz klassisch auf der Dachterrasse einer Freundin mit einem Mini Ganesh im Wassereimer durchgeführt).

Besonders Mumbaiker feiern den Sohn Shivas und Parvatis mit dem sagenumwobenen Elefantenkopf, der wohl jegliches Unheil abwenden soll mit unmenschlich vielen Süßigkeiten. Eine davon ist Modak, eine gedämpte Reisteigtasche gefüllt mit Jaggery und frischen Kokosraspeln, Ganeshs Lieblingsspeise - wisst ihr. Meine Lieben, veni, vedi, vici. Ab Januar gibt’s Modak in Freiburg im Schwarzwald.

WLAN Router unter dem Fenster
WLAN Router unter dem Fenster

Wenn es regnet, regnet, regnet

Letztlich entscheidet der Monsun über die Lebensbedingungen der Bauern in Maharashtra, dem Herzstück der indischen Wirtschaftskraft. Mumbai ist nicht nur Finanzhub, sondern auch Zentrum zahlreicher Textil- und Chemiefabriken, sowie dem wichtigsten Hafen. Ohne den starken Regen trocknen weite Landstriche in dem agrarwirtschaftlichen Bundesstaat aus, das Wasser kann nicht gespeichert werden und das Vieh verdurstet. 2016 war z.B. so ein Jahr. Statistisch gesehen nimmt sich im Norden Maharashtras jeder achte Selbstversorger/Kleinbauer wegen Überschuldung, durch z.B. die Ausgaben für Pestizide, das Leben. Danach müssen sich die sogenannten „Bauern-Waisen“ mit fremder Hilfe und, wenn möglich, Krediten über Wasser halten. Dazu kommt die WTO-gepuschte Politik in Neu-Delhi, die die Lage nachhaltig verschlechtert hat. Wegen heruntergefahrener Subventionen und mickriger Importzölle konkurrieren die Bauern hierzulande mit Wirtschaftsgiganten, wie der USA oder der EU (unsere Produkte sind dagegen von Subventionen gestützt und Zöllen geschützt).

Koch es, schäl es, oder vergiss es! Jeder Dritte hält sich dran

Mit diesem Hintergrundwissen fiel es mir natürlich nicht sehr schwer, das Gute in dem Unwetter zu sehen. Nach gut drei Stunden, in denen ich lediglich meine nassen Klamotten aufgehängt und endlich mein Hab und Gut für die kommenden 4 Monate verstaut hatte, schickten mir sowohl Anupam als auch Amey in unserem WG-Chat auf meine neue Nummer endlich ein Update: Der Eine stapfte seit mehreren Stunden bis zur Hüfte im Hochwasser durch Mumbais Stadtteile, während der Andere in einem noch halbwegs unüberfluteten Teil östlich von Khar West im Verkehr festhing. Innerlich stellte ich mich auf die unentspannteste Nacht meines bisherigen 24 Jahre alten Daseins ein. Tuhina hatte mir vorsichtshalber noch ihren Hausschlüssel vor ihrem Abflug nach London weitergereicht – für den Fall, dass unsere Bruchbude unter den Wasserlasten zusammenbrechen würde. Gut, ich hätte im Ernstfall ja mein aufblasbares Kajak auspacken können und die eigentlich 30-minütige Rickshaw-Fahrt durch ein Meer aus Bakterien und Keimen in zwei Stunden easy paddeln können. Um 23 Uhr waren wir alle wieder vereint und bestellten ein bisschen Gemüse beim Händler nebenan, das ich mit Leitungswasser abwusch, dann aber schälte und zu einem Salat verarbeitete. Ihr wisst ja, cook it, peel it or leave it. Alle, die sich mal ein bisschen länger in Indien aufgehalten haben (oder alle, die einen gesunden Menschenverstand haben), können bereits erahnen, was mich während meiner kommenden Woche noch einholen würde. Alle anderen lassen sich bitte überraschen. Ich buchte einen Tag später meinen Flug nach Jaipur, Rajasthan – da war der Monsun schon vorbeigezogen, denn ich hatte noch eine knappe Woche, bevor mein SCHULWÄRTS!-Praktikum am Goethe Institut in Mumbai und einer internationalen Schule mit deutschem Sprachenprofil beginnen würde.

Diverse Freunde meiner Mitbewohner hatten mich subtilst darauf hingewiesen, nicht alleine in den Norden zu reisen. Neugierig packte ich also meine sieben Sachen und flog trotzdem – die besten Erfahrungen sind schließlich immer noch die Eigenen. Ob alleine in Maharashtra oder Rajasthan sollte wohl keinen großen Unterschied mehr machen. Um komplett alleine zu sein, muss man in Indien schon länger suchen.

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#1 Ein erster Versuch retrospektiv meine Indien Erfahrungen zu verschriftlichen

Was macht die da eigentlich?

Regnen wird es, tagtäglich, sodass die Wassermassen von der Kanalisation gar nicht mehr aufgenommen werden können. Die Regenzeit kann ziemlich heftig werden in Mumbai, einer 22 mio. Mega-Stadt an der Westküste Indiens. Sonnenmilch wirst du gar nicht brauchen, der Smog lässt die  UV-Strahlen sowieso nicht durch, lieber Mückenspray, am besten im Vorteilspack, bitte. Lass weiße Sneaker und Jeans zu Hause, Tops sowieso, sonst kannst du auch gleich im Bikini in der Holzklasse im Zug sitzen und darauf hoffen, dass sich irgendeine Hand nicht ausversehen vergreift. Kauf dir ´ne Atemmaske. Spätestens nach der 2. Woche wirst du dich dann mit indischen Toiletten (Plumpsklos ohne Sitz) anfreunden, oder auch nicht, auf jeden Fall irgendeine persönliche Beziehung dazu aufbauen. Die Bakterien und Parasiten im Wasser, ungekochtem Essen und jeder Türklinke sind aus einer anderen Welt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle schon mal über die ein oder andere oben aufgeführte Indien-Assoziation gestolpert sind. In diesem Blog werde ich versuchen, knapp 2,5 Monate nach Aufbruch in mein SCHULWÄRTS!-Abenteuer, meine Erfahrungen zu verschriftlichen, zukünftigen Praktikanten Bombay schmackhaft machen und allen anderen Interessierten eine etwas andere Perspektive für das wohl polarisierenste Land der Welt anbieten. Für 2,5 Monate darf ich das Goethe Institut in Mumbai in dem ein oder anderen Projekt unterstützen. Hauptsächlich werde ich aber an einer internationalen Schule Deutsch als Fremdsprache unterrichten. Das Programm nennt sich SCHULWÄRTS!, falls ihr das direkt mal googlen wollt, um euch selbst zu bewerben. Wie genau die Schule aufgebaut ist, was uns eine internationale Schule macht und warum die JBCN International School in Borivali West die Coolste von allen ist, werde ich euch in einem anderen Blogpost versuchen näher zu bringen. Ich kann ja nicht alles Spannende vorwegnehmen… Viel Spaß beim Schmökern  

 

Die Vorbereitung auf meinen Indienaufenthalt - Prokrastinare Humanum Est

Da war sie wieder, die Prokrastination. Tage vergingen bevor ich überhaupt erstmal anfing, systematisch zu packen. Letztendlich kam es genauso, wie ich es nicht anders erwartet hätte – ich packte in der Nacht vor meinem Abflug. Die letzte Hausarbeit für das Sommersemester 2017 frisch gebunden, fiel ich etwas adrenalingetrieben über meine wahllos platzierten Beutel und Klamotten her. Die Familien-Kamera (an dieser Stelle nochmal eine dicke Umarmung und Dankeschön für Euer Vertrauen in mich!) sorgfältig in das Handgepäck gestopft verließ ich am Tag der Tage mein geliebtes Freiburg. In aller Vorfreude auf das was mich erwarten würde blickte ich doch ein wenig wehmütig auf unseren Balkon im dritten Stock zurück, als ich in die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof einstieg. Was für ein Sommer mit so vielen lieben Menschen, die mir so viel gegeben haben. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass ich irgendwo angekommen war. In dem Moment, bevor ich zu sentimental werden sollte, rempelte mich ein vor sich hin rauntzender älterer Herr von der rechten Seite Richtung an. Abgelenkt von seinen aufgelösten Worten, wie unmöglich die heutige Jugend sei, die Arbeit zu vernachlässigen und mit übergroßen Rucksäcken dem Alltag entfliehen zu scheinen, ergriff ich grinsend mein flauschiges Nackenkissen und setzte meine Kopfhörer auf, um mich von The Fugee’s ‚Ready or Not‘ geschmeidig auf die nächsten 24h vorzubereiten.

Quiche á la Mama

Ein letztes Mittagessen mit meinen Eltern stand noch auf dem Programm. Obwohl meine Mutter mich gebeten hatte, meine letzten möglichst gut bürgerlichen Essenswünsche an sie zu richten, vermochte ich die Überraschung vorzuziehen. Anders ausgedrückt hatte ich wohl einfach keinen Kopf dafür und ich wusste, dass sie etwas Wundervolles zaubern würde. Mit einer halben Quiche im Magen umarmte ich nochmals kurz meine Eltern bevor wir meine Oma im Nachbardorf abholen sollten und mit unserem dunkelblauen Schuhkarton auf Rädern aka Fiat Doblo gegen den Fahrtwind donnerten. Ausnahmsweise hatten wir genug Puffer eingeplant. Während Mama, stolz den kompletten Text auswendig zu können, uns an Wise-Guys „Sonnenschein“ teilhaben lies, schenkte mir Oma einen handschmeichelnden Engel aus Holz. „Der ist gesegnet“, druckste sie mit einer Träne unterdrückten Stimme hervor. Ich lächelte sie so breit ich nur konnte an und verstaute ihn unter meiner Kamera.

 

Heute mal ‘nen Last-Minute-Flug?

Viel zu früh erreichten wir den Flughafen. Perfekte Gelegenheit meinen zwei Liebsten noch eben das Konzept von Last Minute Flügen zu verkaufen. „Die Türkei ist gerade sehr beliebt. Billige Flüge. Alternativ‘ Barcelona – tolle Stadt “, scherzte der Mann hinter dem Counter, belustigt über seinen doch eher trockenen Humor. Witzig, aber das half nicht unbedingt. Ich lachte kurz auf und konnte gerade noch aus dem Augenwinkel erkennen, wie meine Mutter sich amüsiert aber entschlossen meiner Oma zuwandte. Mit hochgezogenen Augenbrauen waren sich beide einig, sie würden sich niemals auf so eine spontane Schnapsidee einlassen. Manchmal fragte ich mich doch, ob ich nicht doch adoptiert worden war. Erfolgreich in der Vermittlung der allgemeinen Idee hinter Schnäppchen Flügen, aber versagt sie davon zu überzeugen tatsächlich dem Alltag zu entfliehen, wandten wir uns dem Security Check zu. 

Impfungen 101 – Eine subjektive Einführung

Es war ja nochmals alles gut gegangen mit meiner ambitionierten Planung. Nur 19h vorher hatte mir eine motivierte Ärztin die dritte und letzte Tollwut Vorsorgeimpfung per Injektion in den Deltoideus gerammt. Gedankenverloren berührte ich meine rechte Schulter. Ob diese Impfung sein musste, bleibt mal dahingestellt, das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Bei jeglichem Pauschaltourismus ist vielleicht davon abzuraten. Mich hatte das Gesundheitsamt darüber informiert, dass der Impfstoff HDC zum Zeitpunkt Mangelware sei und man die Anordnung bekommen hätte, diesen nur noch bei Indien-Ausreisenden vorzunehmen. Diese Randinformation hatte den kleinen, aber dennoch existenten Lyssophoben in mir geweckt. Nirgendwo sonst soll es so viele streunende Hunde geben. Je nachdem wo man sich gerade befinde würde der Impfstoff zwar vorrätig sein, aber nicht immer von guter Qualität. Bei bestehendem Impfschutz kann auf die passive Impfung verzichtet werden. Eine erneute aktive Impfung ist jedoch trotzdem notwendig und dieser kann in Entwicklungsländern (ich gehe keine Diskussion darüber ein als was sich Indien derzeit am ehesten qualifiziert) eben besagter schlecht verträglicher auf Nervenzellen gezüchteter Impfstoff sein. Für alle Indien-Ausreisenden also, FYI. Danke an meine Krankenkasse, dass sie mir Kosten in Höhe einer vollen Monatsmiete erspart und ich somit länger in Indien bleiben kann. Note: Ich versuche jegliche Schleichwerbung zu vermeiden, die TK hat‘s hier aber voll rausgerissen. 

Host-Familie, Hostels oder Freundes‘ Freunde…Freunde

Von Frankfurt aus Richtung New Delhi würde mein Flug 8h plus weitere 2h nach Mumbai brauchen. Mein erster Flug in den außerkontintentalen Bereich gen Osten. Ich hatte zuvor bereits längere Flüge hinter mich gebracht, aber was mich in Indien erwarten würde war dennoch etwas ungewiss. Zwei Tage zuvor hatte ich mich mit einem Freund, der einen Bekannten eines entfernten Freundes hat, kurzgeschlossen. Er würde mich in einem freien Zimmer in Khar West, im Zentrum Mumbais für die ersten Tage beherbergen können. Kurzerhand hatte ich mein Hostel gecancelt und mich auf eine Art Couchsurfing Feeling eingestellt. Die Verbindung über mehrere Ecken sollte auch meiner Familie helfen, die Jüngste beruhigt nach Indien zu entsenden. Ich wusste, dass meine Mutter die kommenden 4 Monate nur mit angehaltenem Atem und der ein oder anderen schlaflosen Nacht verbringen würde. Ich versuchte meine Mutter dahingehend zu beruhigen, indem ich ihr versicherte mich nicht (wissentlich) in eine unbedachte, waghalsige Situation zu begeben. Ausnahmsweise mal. I am adulting. I swear.

Klassische Ernährungspräferenzen in der zeitgenössischen Flugkultur

Dank AirIndia durfte ich auch direkt die stereotypen-reichsten 8h erleben.  Davor aber noch eine kleine Anekdote: Direkt nach Abflug wurde uns direkt eine Erfrischung und ein, für deutsche Verhältnisse, spätes Abendessen serviert. Da ich direkt bei AirIndia gebucht hatte, konnte ich dort sogar meine Ernährungspräferenzen angeben. Ich behaupte das jetzt einfach mal, aber ich bezweifle, dass eine andere Airline so viele verschiedene Religionen und Ernährungsgewohnheiten überhaupt jemals berücksichtigen wird. Achtung, ich (so fühlt es sich an) zitiere aus dem Lexikon der modernen Krankheiten und Weltreligionen: "Gluten Free, Asian Veg-Meal, Hindu Meal (non-veg), Kosher Meal, Jain, „normal“ veg, Moslem meal, Bland meal, Diabetic meal, Lacto-ovo veg, low-cal, low fat/low cholesterol, selbstverständlich auch das wahlweise veg/non-veg, low sodium, non-lactose, raw veg, seafood, veg oriental, vegan uuund natürlich Baby, und child veg/non-veg". Eine Wahlmöglichkeit musste ja passen – wahrhaft ein Land der Multikulturalität! Das Biryani unter den Salad Bowls und Mosaiken…oder den melting pots? Tatsächlich spalten sich die Geister an der politischen Korrektheit abstrakt-kultureller Assimilationskonzepte in multiethnischen Ländern, also Vielvölkerstaaten. Wie ist das also in Indien, fragte ich mich.

Verschmelzung von Kulturen – Konzept in Indien

Zu viel hatte ich darüber gelesen, also nur kurz nochmal zur Erklärung, für all diejenigen, die meinen Blog gerade auf der Toilette sitzend oder in der Hängematte liegend lesen und kein Lexikon zur Hand haben: Länder, deren Ethnien und Kulturen zusammenleben und dennoch ihre eigenen Praktiken, Religionen und Riten beibehalten, nennt man Salad Bowls. Amerika ist hier ein Paradebeispiel. Bei den Melting Pots verhält es sich anders, da assimilieren alle in eine bestehende/privilegierte Kultur. Ein Schweizer Fondue, wenn man so möchte. Das Land ist ein Subkontinent. Man stelle sich mal vor, wie unglaublich vielfältig das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde sein muss (nach China, übrigens. I gotchu). Außerdem ist es flächenmäßig das siebtgrößte Land, und mit 1,3 Milliarden Einwohnern auch die größte Demokratie der Welt. Übrigens, ich dachte ja immer ich wüsste als Politikstudentin, so wie jeder/jede, die irgendwann mal im Gemeinschaftsunterricht kurzzeitig aufgehört hat, Briefchen an MitschülerInnen drei Tische weiter zu verfassen, dass die attische Demokratie die älteste aller Demokratien, oder nach heutigem Verständnis demokratieähnlichen Staatsformen, sei. Pustekuchen. Tatsächlich ist es Indien. Was wir genau als eine Demokratie definieren ist also ein anderes Thema, aber die Grundidee kommt anscheinend doch aus Indien. So viel dazu.

Zurück aber zu unserem Biryani-Thema, der Frage, ob Indiens Alltag eher von einer Verschmelzung oder einem Nebeneinanderleben von Ethnien und Kulturen charakterisiert ist. Sorry, dass ich dauernd abschweife. Die meisten sind das ja schon gewöhnt von mir…bear with me! Fast geschafft. Auf was ich eben also eigentlich hinaus wollte, bevor ich nochmal ein neues Thema ernsthaft zu elaborieren beginne: Das Land ist riesig und ebenso auch seine Bevölkerung. Man kann Indien also nicht wirklich über den Kamm scheren und so wie ich das sehe, kann man Indien auch nicht in Schubladen stecken oder charakterisieren. Das ist frustrierend für den Deutschen, weil wir wissen gerne mit was wir es zu tun haben, so können wir uns optimal und effizient darauf vorbereiten. Klar, es gibt sicher mehr Gemeinsamkeiten und Eigenheiten zwischen allen indischen Pass-Inhabern, als jetzt z.B. zwischen einem Punjabi und einem Italiener. Jede Indienerfahrung ist aber anders und mit dieser Bevölkerungsdichte schauen wir auf eine krasse Pluralität. Irgendwie hat Indien das aber geschafft, dass man fast (genau, Kashmir z.B., du gehörst noch nicht so ganz dazu) überall friedlich nebeneinander leben kann, jegliche religiösen Lebensweisen ihren Platz gefunden haben und auch von einem Schweizer Fondue (Melting Pot) nicht mehr wirklich gesprochen werden kann. Vielleicht schließe ich mich doch den politisch Korrekten an und plädiere für eine salad bowl, ein Thali oder eben doch einem Biryani, einem herzhaft angebratenem Reisgericht, in das die Inderin allerlei Zutaten reinschnippelt. Bei uns nennt man das dann wohl Risotto oder auch Gemüsepfanne, in die alles reingehauen wird, was der Kühlschrank noch so herzugeben vermag. Eine Reis-/Gemüsepfanne ist also ein Biryani, zugegebenermaßen etwas tolerant ausgedrückt. Für alle Willigen habe ich im Folgenden diesen letzten Paragraphen etwas anschaulicher zusammengefasst: 

 

"The biryani, like most of us, is uncertain of its origins. It probably came from outside of the subcontinent and blended itself into the Indian ethos. Mind you, though, the biryani was smart enough to quickly realise that there is no one Indian ethos or value system. To survive and to spread across the country, it had to adapt and integrate itself into as many different forms as there are cultures in India. And it did spread, from the high north to the deep south, from the far east to the distant west. For the Awadhi nawabs it shed its spicy strength and for their Brahmin bookkeepers it assumed the form of 'tahiri', substituting meat with potatoes. For the 'strictly veg' Jain Gujaratis it let go a part of its soul to become an onion-less vegetable biryani and for the 'reluctantly veg' vegetarians, it reincarnated as the egg biryani. For the sweet-toothed Bengali, it adopted a flavour of sweetness and for those in the Northeast and here in Kerala, it added beef to its personality. For the 'melting pot' Hyderabad, it ingrained into itself a diversity of flavours and for the aloof Ambur, it blended into Arcot's local ingenuity. From Sindhis in the west to the communities of Kampur in the east, from the Jats in the north to the Nasranis in the south, the biryani became to everyone what they were. So you see friend, your favourite biryani is a true manifestation of the very idea of India, a discussion which vexes you"

(Internetquelle Zitat Biryani: Varughese: “What The Biryani Says About 'The Idea Of India'”, unter: http://www.huffingtonpost.in/shijoy-varughese/the-different-ideas-of-in_b_8458694.html (abgerufen im Oktober 2017)).

Und in der Schule? The Three-Languages-Policy

Nicht nur mit dem Essen und den verschiedenen Kulturen verhält es sich so, sondern auch mit der Sprache. Aufklärend soll folgender, in Indien volkstümlich-gebrauchter, Aphorismus sein: „Kos-kos par badle paani, chaar kos par baani“. Das bedeutet übersetzt so viel wie: Die gesprochenen Sprachen (und Dialekte, nehme ich mal an) verändern sich alle paar Kilometer, genauso wie der Geschmack des Wassers. Laut Artikel 343 in der Verfassung (das wars auch schon wieder mit Mr. Google’s Einsatz, keine Angst) sind 22 Sprachen offiziell anerkannt, wobei Hindi und Englisch landesweit am häufigsten in Gebrauch sind. Zeitgleich mit der Unabhängigkeitsbewegung 1948 forderten hauptsächlich südindische Provinzen die Neuziehung von Landesgrenzen je nach Sprachgebieten. Um den einzelnen Bundesstaaten eine einheitlichere politische Identität und mehr Autonomie zu ermöglichen, ist die Verwendung von so ziemlich jeder anderen inoffiziellen Sprache im öffentlichen Raum daher erwünscht. In Indien müssen alle Schüler und Schülerinnen in Minimum drei Sprachen unterrichtet werden. An meiner Schule sind das Englisch, Hindi (und Sanskrit), Marathi und – yay – Deutsch! Die Kids dürfen nach der 8. Klasse wählen, womit wir dann wieder bei den drei Pflichtsprachen wären. Hindi war übrigens nicht immer Landessprache und nicht unbedingt weiterverbreitet als Tamil, Marathi oder Bengali. Erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts entschied man sich dafür, eine einheitliche nicht-englische Sprache für bundesstaatliche politische Prozesse einzuführen, wobei Experten Englisch zukünftig für entscheidend erachten. Gut, dass ich angehende Englischlehrerin bin, denke ich mir da.

Elegant die Kurve gekriegt – mein Flug!

Vielleicht erinnert sich der Ein oder Andere noch an den Ursprung der hiesigen Ausschweifung. Genau, es ging um Essen und Trinken und einer stereotypenhaften 8h Flugzeit. Zu beider meiner Seiten sollten sich also Sikhismus Anhänger mit traditionell kunstvoll gebundenen Turbanen einfinden. Der Nutzung von Besteck und dessen zugrundeliegendem Konzept wohl fremd durfte ich das erste Mal an den authentischsten Tischsitten eines wahrhaftigen Punjabis teilhaben. Zur Aufklärung: in Mumbai und anderen Großstädten werden in zahlreichen Restaurants, der Schule oder auch je nach Freundeskreis häufig Gabel, Messer und Löffel verwendet. In so ziemlich allen anderen Teilen Indiens, vorzugsweise auf dem Land und so auch im Norden Indiens, wie Punjab, bedient man sich traditionell aber vorzugsweise jenem Werkzeug, welches der gestaltlose Schöpfergott hierfür vorgesehen hat, der rechten nackten Hand. Mit dieser führt man die Mahlzeit in den weit geöffneten Mund, wo der Daumen die restliche Arbeit verübt. Ich hatte mir also ein veganes Biryani bestellt, weil man weiß ja nie, wie viel Antibiotika das Hühnchen so unkontrolliert in sich reingepumpt bekommt. In Indien, ähnlich wie Amerika, findet man auch dank mangelnder Abwasserklärung multi-resistente Keime und Rückstände von Antibiotika leider in fast jedem (Hühnchen-) Fleisch und auch in der guten heiligen Milchkuh. Also aufpassen beim Chai trinken und Butter Chicken bestellen. 

Indien Knigge

Ich glaube, der verwirrte Gesichtsausdruck meines Sitznachbarn galt der unverschämten Nutzung meiner linken Hand, auch noch der eines Löffels. Er hielt kurz inne und beäugte mich mit hochgezogenen Brauen bis er sein Non-veg-Tikka abgekaut hatte. Mit einem Schluck Whiskey säuberte er kurz den Rest und entschied sich daran anschließend wieder dafür seine rechte Hand in seine Plastikschale zu tunken. Tatsächlich fühle ich mich seit Kindheitstagen der linken Hand am Mächtigsten. Dies drückt sich selbstverständlich auch in der Nutzung dieser beim Konsumieren von Mahlzeiten aus. Die linke Hand gilt in Indien bekanntlich als unrein, da sie bis heute von einigen Vielen als, sorry, jetzt wird’s kurz unappetitlich, umweltfreundliches Toilettenpapier genutzt wurde und wird. Ich tat unbeeindruckt so, als wäre ich von der uns umgebenden Schwärze hinter dem Fenster tief beeindruckt war und machte mich anschließend über fünf 0,2 ml Flaschen Wasser her. Ah, ich weiss, auf dieses Thema komme ich sicherlich auch noch irgendwann anders zu sprechen. 

 

Bemerkenswert ist hier vielleicht noch, dass der gute Mann die Verhaltensvorschriften des Sikhismus, jene die den Konsum von Alkohol betreffen, gekonnt umging. In meinen besten Zeiten im Fußballverein hatte ich nicht mal diese Ausdauer. Vor allem nicht in der Economy-Class eines Flugzeuges. Tiefst beeindruckt von der freien Auslegung der Sikhischen Ernährungsgewohnheiten schliefen wir alle gleichzeitig irgendwo (schlaf-)trunken über Turkmenistan ein. 

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