Niemals geht man so ganz

Auf vieles in Deutschland hatte ich mich gefreut – zum Beispiel, beim Straße überqueren einfach mal nicht halb überfahren zu werden, das Internet auch ohne VPN-Client zu nutzen, in der Landessprache einkaufen zu gehen, wieder ein paar nicht-chinesische Gerichte zu genießen oder auf der Straße nicht angestarrt zu werden. 

Tatsächlich aber fiel mir der Abschied von China unglaublich viel schwerer, als ich gedacht hätte. Dazu will ich weiter nichts sagen, das muss schließlich jeder Praktikant für sich erleben 😉

Nun bin ich seit etwa zwei Wochen wieder in Deutschland und möchte als letzten Beitrag mehr oder minder unkommentiert die Orte teilen, die ich neben Peking in China besucht habe. Auf den Bildern zu sehen sind also:

1. Guilin und Yangshuo, zwei sehr schöne Städtchen in einer atemberaubenden Landschaft,

2. Yichang, eine sehr modern anmutende Stadt nahe des Drei-Schluchten-Staudamms,

3. Fenghuang, das Venedig Chinas,

4. Shanghai, welches mir in 19 Stunden Umsteigezeit noch mal das volle China Erlebnis ermöglicht hat, inklusive spontaner Scooter Fahrt und geheimen Nachtmarkt, sowie

5. Zhuzhou natürlich, ein 4-Millionen Menschen Dorf.

 

Das Zugsystem sowie die Fernbusse in China bezeichne ich als wohlbehütetes Abenteuer: Streckennetz und Ticketkauf sind bestens organisiert, was man dann allerdings auf der Fahrt so erlebt, steht jedes Mal ein Stück weit in den Sternen. Aber was soll’s: Ankommen tut man immer. Wiederkommen allerdings auch. Die zwei Monate in China werden mit Sicherheit nicht der letzte Aufenthalt in diesem Land gewesen sein, welches mich mehr als jedes andere fasziniert und begeistert hat. 

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… Was würde Mao wohl sagen?

Obwohl China offiziell als kommunistischer Staat läuft, scheint es sich mit der Planwirtschaft erledigt zu haben: Mit Trommelparaden wird der Sale eines Schuhgeschäftes verkündet, KFC und Burger King sind voll besetzt, und das Iphone ist zum Überbegriff für alle Smartphones geworden. Noch immer bin ich am Rätseln, ob es eigentlich einen chinesischen Autohersteller gibt, denn bislang habe ich auf den Straßen ausschließlich deutsche und amerikanische Autos gesehen. Warum gehen die eigentlich nie kaputt? Angesichts der chinesischen Fahrweise dürften eigentlich nur Schrottkarren unterwegs sein…

 

Ein kurzer Einblick in die chinesische Außenpolitik: Im Rahmen eines Projektes des Goethe Instituts wird ein kleines Maskottchen inklusive Koffer von Schule zu Schule geschickt, um Partnerschaften zwischen Schulen in Ostasien aufzubauen. Wir erhalten den Koffer aus Korea (nachdem er gut eine Woche im chinesischen Zoll festhing) und schicken ihn weiter nach Taiwan. In die Power Point Präsentation packe ich Bilder der koreanischen und taiwanesischen Flagge. Hui bittet mich, die taiwanesische Flagge rauszunehmen, die Beziehung sei derzeit etwas sensibel. Wird gemacht, aber die koreanische Flagge schmeiße ich auch raus – entweder beide, oder keine.

 

 

Zuletzt ein Stückchen Englisch Unterricht, das genauso ist wie in Deutschland und gleichzeitig ganz anders: Der Brief an die Kummerkastentante, den wir alle in der siebten Klasse schreiben mussten. Das Mädchen Molly aus dem Englischbuch hat folgendes Problem: Es gibt zu viele Regeln, in der Schule, zu Hause, überall! Was antwortet die chinesische Kummerkastentante? „I understand you. But think about it, the rules are there to help us! We must follow the rules”. Die Schüler sind empört! Auch die Lehrerin stimmt zu: „Molly sollte mal mit ihren Eltern reden“. 

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“You’re beautiful, your skin has such a nice colour” – als Ausländerin in China

Mit der Verständigung ist es schon wolkig bis heiter, da mit Englisch eigentlich gar nichts geht. Die Reaktionen auf meine krümeligen Chinesisch Versuche sind vielfältig: Manche reden konsequent auf Chinesisch weiter und schnipsen dabei mit den Fingern vor meinem Gesicht herum. Andere sagen einfach nichts, und wieder andere freuen sich über meine Bemühungen, lachen mich an und vielleicht ein bisschen aus und legen mir noch einen Apfel oder ein Törtchen gratis dazu.

 

In Peking war ich den Leuten ziemlich egal - So gewohnt ist man mittlerweile an den Anblick von Ausländern. Anders in Zhuzhou. Hier schauen mich die Leute schon aus Metern Entfernung an, immer neugierig, niemals feindselig. Ich lächle kurz, nicke, und gucke dann so ungefähr überall hin, um den unglaublich langen Blickkontakt nicht halten zu müssen. Noch im Vorbeigehen sehe ich, wie sich die Person umdreht und mir hinterherschaut.

 

Besonders extrem ist es am „Tag des Baumes“. Eine tolle Aktion: Mit den Schülern und vielen anderen städtischen Vereinen fahren wir ans Flussufer, um Bäume zu pflanzen. Den Großteil der Zeit verbringe ich dann damit, für Gruppenfotos mit völlig fremden Menschen zu posieren, und mich für Komplimente zu bedanken, die mir höchst unangenehm sind. Meine „schönen langen Wimpern“ kann ich noch auf die Wimperntusche schieben, aber was sage ich denn bitte zu „meiner schönen Hautfarbe“?  Sogar die Zeitung kommt, um ein Interview mit mir zu machen, obwohl ich absolut gar nichts zur Organisation des Events beigetragen habe. Ich komme nur eben zufällig aus Europa. Ben, der Lehrer aus England, der ein bisschen aussieht wie Harry Potter und somit noch mal deutlich mehr Fans hat, verwendet den Begriff der „White Token Person“, die „Weiße Vorzeige Person“. Und tatsächlich, obwohl der Tag für Bäume und Schüler ein gelungener war, bleibt für mich ein seltsamer Beigeschmack.

 

Hui sagt, ich sei eben „more beautiful“ und werde deshalb so angeschaut. Ich sage, ich bin nicht schöner, sondern einfach nur anders. Also Leute, kommt nach China! Je mehr Touris, desto gewohnter der Anblick. Denn noch ist man hier von der Tatsache, dass Menschen auch aus anderen Ländern als China kommen können, ein bisschen zu fasziniert...

 

 

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Die Zhuzhou Shifeng Fremdsprachenschule und was genau ich eigentlich hier mache

Ein gewöhnlicher Schultag für die 7. Klassenstufe:

 

06.50: Sport

07.10: Frühstück

Bis 07.55: Morgenlesen (Schüler lesen chinesische und englische Texte, um sie auswendig zu lernen  

                   und die Aussprache zu verbessern)

Ab 08.00: Unterricht (eine Unterrichtsstunde dauert 40 Minuten)

Nach der zweiten Stunde gibt es noch einmal 30 Minuten Sport, Zwischendrin außerdem kleine Pausen sowie eine Einheit für Augengymnastik.

Ab 11.30: Mittagessen und Mittagspause

Ab 14.25 bis 17.40: Unterricht und AG’s, noch einmal Augengymnastik

Bis 19.00: Pause

19.00 bis 21.00: Hausaufgabenbetreuung

Sonntagnachmittag: Verpflichtende Nachhilfe  

 

Reportagen über die „strengsten Schulen der Welt“ in China kennt man ja. Meine Erwartungen sahen also so aus: Die Schüler sitzen still und aufrecht in ihren Bänken, konzentriert bis furchtsam, führen jeden Arbeitsauftrag gründlich und ohne zu Fragen aus und begegnen den Lehrern mit an Angst grenzendem Respekt.

 

Die Realität ist aber eine andere! Lärmend schäkern die Schüler miteinander und gerne auch mal mit den Lehrern, zu keiner Sekunde ist es im Klassenzimmer vollkommen still. Und ich muss sagen: Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal so über chaotische Schulklassen freuen würde! Denn trotz des anstrengenden Alltags, der knappen Freizeit und der Prüfungen, die über die akademische und berufliche Zukunft der 14-jährigen entscheiden werden, schaffen es diese Schüler irgendwie, sich ihren Spieltrieb zu bewahren und einfach die Quatschnasen zu sein, die Kinder und Teenager eben sind.

 

Gemeinsam mit Hui, der Deutschlehrerin, unterrichte ich Deutsch in der siebten Klassenstufe. Zusätzlich habe ich vorübergehend auch die dritte Klassenstufe in Englisch übernommen. Die Klassen sind mit 50 bis 60 Schülern zunächst einmal viel größer als in Deutschland, aber auch sonst verläuft der Unterricht ganz anders: Meistens spricht der Lehrer, und die Schüler wiederholen gemeinsam oder antworten im Kollektiv. Satzbrocken und Vokabeln werden also auswendig gelernt, aber fast nie in neuem Kontext frei angewendet. Aufzeigen oder Fragen stellen ist eher die Ausnahme. Wenn doch mal ein einzelner Schüler redet, wendet er sich ausschließlich an den Lehrer, nicht aber an die Mitschüler, die dies auch nicht zu erwarten scheinen. Wie sieht es also aus mit interessanten und tiefergehenden Erkenntnissen, die aus dem Unterricht gewonnen werden? Um das beurteilen zu können, werde ich noch eine ganze Weile länger bleiben und beobachten müssen.

 

Eine große Freude war, dass eine Gruppenarbeit, die ich ausprobieren wollte, tatsächlich funktioniert hat. Die Schüler haben also schon Lust auf unterschiedliche Unterrichtsmethoden, nur nicht so oft Gelegenheit dazu, und ich hoffe, dass während meiner zwei Monate hier ein kleines bisschen zu ändern!

 

Soweit meine Eindrücke der ersten Woche. Wer weiß, vielleicht mache ich ja noch ganz andere Erfahrungen?

 

 

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Peking!

„Das ‚echte‘ Peking“, sagt einer der Mitarbeiter des Goethe Institutes, die ich in Peking treffe, „gibt es nicht“. Und tatsächlich: Nur wenige U-Bahn Stationen voneinander entfernt, kann die Stadt aussehen wie ein Hipsterviertel in Paris, eine Feiermeile in Amsterdam, ein spanisches Bergdorf oder wie die Skyline von Manhattan. Und alles davon ist das „echte“ Peking!

 

Smog, voll, unübersichtlich. Das sind meine Erwartungen, als ich in Peking lande. Ich verlasse den Flieger und finde alle drei Punkte quasi auf einmal widerlegt. Die Menschen verteilen sich so gut, dass ich manchmal die einzige Person auf der Straße bin! Nur in der U-Bahn spürt man am eigenen Leib, was es bedeutet, in einer Stadt mit 21,5 Millionen Menschen unterwegs zu sein. Dafür kommen die Bahnen alle zwei Minuten, so dass man mit einer gepflegten Mischung aus Anstehen und Drängeln immer mitfahren darf. Über alldem spannt sich ein makellos blauer Himmel, durchwoben von Vogelgezwitscher und einer frühlingshaften Brise. Von Smog keine Spur! Dennoch darf ich mich nicht zu sehr freuen. Zwar geht es tatsächlich aufwärts mit der Luft in Peking, aber dieser schöne Himmel ist zurückzuführen auf eine wichtige Konferenz, welche in Peking stattfinden soll. Für solche Anlässe wird gern mal ein Produktionsstopp für die Fabriken im Umland erlassen, was den Himmel schnell aufklaren lässt. Auch wenn ich nun also weiß, dass dies nicht der Normalzustand ist, freue ich mich über das Timing und mache mich auf, die Stadt unter blauem Himmel zu erkunden.

 

Was gibt es also zu sehen in dieser Stadt? Den Platz des Himmlischen Friedens schon mal nicht – der ist nämlich wegen besagter Konferenz weitläufig abgesperrt. Das ist aber auch nur einer von Pekings Schätzen. Denn die Stadt lockt mit unzähligen Gässchen, Läden, Parks, Tempeln, Türen, Terrassen und Kanälen, sie elektrisiert mich in einem Moment und beruhigt mich im nächsten, je nachdem, wo ich gerade bin. Lediglich in der Nicht-mehr-so-Verbotenen Stadt erfahre ich die volle Breitseite des Tourismus. Ich will mich nicht beschweren, schließlich bin ich selbst Tourist. Ich ducke mich also unter umherwirbelnden Selfie Sticks weg, entweiche knapp dem Kreuzfeuer zweier rivalisierender Reisegruppen und trete selbst auf diverse Füße und Schlipse bei dem Versuch, mich genau dort zu positionieren, wo mich der High-tech GPS gesteuerte Audioguide haben will. Als ich jedoch wiederholt in den Achselhöhlen Fotos machender Menschen verschwinde und schon wieder meine Kopfhörer verliere, verlasse ich die „Hauptroute“. Dem Audioguide ist es auch recht: Denn die wirklich spannenden Infos hat er, wie ich finde, zu den Gemächern der Konkubinen sowie zum Kaiserlichen Garten zu bieten.

 

Meine persönlichen Highlights in Peking: Der Platz zwischen Trommel- und Glockenturm, besonders abends, wenn sich die Menschen dort zum Tanzen treffen. Die Hutongs (Altstadtviertel) rund um den Lama Tempel sowie an den nördlichen Seen. Der Pavillon auf dem Kohlehügel mit Blick über die ganze Stadt. Der Sommerpalast: Einfach mal hinsetzen und die Landschaft in sich aufsaugen. Und natürlich: Essen, essen, essen! Besonders toll: Das frische Obst an den Straßenständen und die Bäckereien, deren Kuchen sich hinter keinem deutschen Bienenstich verstecken müssen.

 

Und zum Schluss… Reiseführer, Auswärtiges Amt, Tripadvisor – Alle haben mich gewarnt. Ich tappe trotzdem in die beliebteste Touri-Falle der Stadt. Eine junge Frau spricht mich auf Englisch an, sie würde sich freuen, mit mir Englisch zu üben, und „lädt“ mich auf einen Tee ein. Ich freue mich sehr, Zeit mit einer echten Pekingerin zu verbringen, und willige sofort ein. Schade nur, dass der Tee umgerechnet dann 70€ kostet, und die junge Frau „zufällig“ kein Geld dabei hat. Nach diesem Erlebnis setze ich mich erst mal mit weichen Knien in ein Café, um zur Ruhe zu kommen. Dort treffe ich ein älteres Paar aus Schweden. Wir unterhalten uns fast drei Stunden lang. Zum Schluss gibt mir Siggi seine Visitenkarte und sagt: „Wenn du mal in Schwierigkeiten bist, ich habe Freunde in fast jedem Land dieser Welt“. Das glaube ich ihm sofort. „Und wenn ich mal niemanden kenne, komme ich selbst und rette dich“. Das glaube ich ihm nicht. „Du wirst es mir nicht glauben, aber ich tu’s!“ China hat die Teehaus Mafia. Aber ich habe Siggi.

 

Weiter geht es nun nach Zhuzhou, dem eigentlichen Ziel meines China Aufenthaltes, wo ich für zwei Monate ein Praktikum an einer Mittelschule machen werde. Ich bin gespannt!

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