Ahlan Wa Sahlan Jordan

Ahlan wa sahlan, zu Deutsch: herzlich willkommen in meinem kleinen Blog. Endlich schaffe ich es mich in Ruhe bei einer Tasse Schai hinzusetzen und die Flut der Eindrücke zu sortieren, die ich in den ersten Wochen im Rahmen meines SCHULWÄRTS!-Programms in Jordanien gesammelt habe. Ich komme mit Erzählen und Berichten bei meinen Freunden und Familie kaum noch hinterher (Sorry Ihr Lieben, ja ich lebe noch und es geht mir wunderbar). Im Folgenden versuche ich einen kleinen Überblick von Roadtrips durch das Land, dem Schul- und Lehreralltag in Amman, meinen SCHULWÄRTS!-Projekten und vielen weiteren tollen Momenten meines prägenden Sommers in Jordanien aufzuzeigen. Vieles muss ich gestehen, lässt sich aber einfach nicht in Worte fassen. 

Wieso Jordanien?

„Warum hast du dir eigentlich Jordanien als Praktikumsort ausgesucht?“

Die Frage kommt nicht nur von Kommilitonen, Familie und Freuden Zuhause, sondern auch von Jordaniern und Freunden hier. Ich selbst bin manchmal noch davon beeindruckt, dass ich jetzt tatsächlich die wuseligen Straßen in Downtown Amman entlang schlendere. Besonders wenn ich daran denke, dass ich vor 3 Jahren von der Geographie des Nahen Ostens und den gesellschaftlichen und politischen Strukturen der Region nur eine sehr schwammige Vorstellung hatte. Seit 2015 verdichtete sich mein Interesse für den Nahen Osten durch privaten Kontakt mit Syrern in Deutschland und meine Arbeit als Deutschlehrerin in Integrationsklassen. 

Jordanien als vergleichsweise sehr sicheres Land dieser Region und die dennoch bestehende (sprachliche, kulturelle und geografische) Nähe zu Syrien, Libanon und besonders Palästina, haben bei der Entscheidung nach Amman zu gehen eine große Rolle gespielt. Die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus verschiedenen Generationen von Flüchtlingsströmen aus den Nachbarländern nach Jordanien kam, prägt diese diverse Gesellschaft. Ich wollte meinem Interesse für den Nahen Osten in Jordanien gerne durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen in der Gesellschaft nachgehen und mich als Lehramtsanwärterin in einem neuen Kontext reflektieren. Daher bin ich seit Mitte August als SCHULWÄRTS! Praktikantin an der Al Asriyya Schule in Amman.

Auf Roadtrip durchs Land
Auf Roadtrip durchs Land

Die ersten Tage

Nachdem ich Mitte August nach dem Lehramtsstaatsexamen und einem ereignisreichen Schuljahr 2016/17 im Job nach Amman geflogen bin, konnte ich die bevorstehenden Erfahrungen die mich hier erwarten sollten kaum erwarten. Die zeitliche Planung, in Absprache mit meiner Expertin für Unterricht vom Goethe-Institut Amman, und die Tatsache, dass bis Ende August Schulferien in Jordanien waren, erlaubten mir zu Beginn einige Tage frei zu haben und einen ersten Eindruck von Land und Leuten zu gewinnen. Nachdem ich mich an Tag eins und zwei um eine Unterkunft gekümmert hatte, konnte ich dann schon wieder meinen Rucksack packen, um mit meinem Mitstipendianten Benjamin von SCHULWÄRTS!  und ein paar weiteren Bekannten mit dem Auto das Land zu erkunden.

Salzpeelings, Wüsten und Weltwunder 

Unsere Reise durch Jordanien führte uns zu den größten Highlights des Landes: Das Tote Meer ist glaube ich jedem ein Begriff, doch selbst einmal darin zu baden, nein, zu schweben, ist dann doch noch einmal etwas ganz anderes. Die historische Felsenstadt und gleichzeitig Weltkulturerbe „Petra“ lockt durch den kleinen Einlass einer Schlucht in schier unglaubliche Weiten und Größen – das faszinierende: es scheint unmöglich, dass jedes der Gebäude, Höhlen und Treppen von Menschenhand in den Sandstein gehauen wurden. Die Wüste Wadi Rum ist wohl einer der ruhigsten Orte mit dem sternenreichsten Himmel der Welt. Roter Sand, unzählige Dünen bis zum Horizont und kleine Beduinen-Camps haben uns auf der letzten Station unserer Reise durch Jordanien erwartet.

Das Tote Meer („al-Baḥr al-Mayyit“)

Das Tote Meer ist genau genommen eigentlich ein See und liegt mit 428m unter Meeresspiegel (am Ufer) als tiefster Punkt der Erde nur ca. eine Autostunde von Amman entfernt. Die Fahrt von Amman, welches auf 700-1100m Höhe über Meeresspiegel liegt, geht in nur 50 Minuten also deutlich bergab und bringt einen spürbaren Wetterunterschied mit sich. War es für Ammanverhältnisse im August sonnig mild mit leichter Brise (also 33 Grad ;) ), wurden wir am toten Meer von bis zu 8 Grad mehr begrüßt. Bei windstillen 41 Grad war es wirklich sehr heiß und auch die Wassertemperatur konnte man nicht gerade als Abkühlung bezeichnen, doch das tat unserer Entdeckungslust keinen Abbruch.

 

Der Salzgehalt des Wassers im toten Meer liegt bei bis zu 33% (zum Vergleich: Mittelmeer= durchschnittlich 3,8%) und sorgt dafür dass man z.B. kaum untergehen und ohne Schwimmbewegungen entspannt auf der Wasseroberfläche entlang gleiten kann. Vielleicht kennen einige von euch die gängigen Touristenfotos, auf denen Menschen ohne jegliche Schwimmbewegung auf dem toten Meer Zeitung lesen. Das durfte natürlich auch bei uns nicht fehlen, wenngleich bei uns das Smartphone mit aufs Meer bzw. den See genommen wurde und durch den enormen Auftrieb so manch witziges Video entstand. Leider schrumpft das Tote Meer in dramatischem Tempo, jedes Jahr um ca. 70 cm. In den vergangenen 30 Jahren ist der Salzsee damit um etwa 21 Meter abgesunken, was natürlich nicht ohne Folgen für die Umgebung bleibt (Brückenfundamente verlieren ihre Stabilität, Tiere und Pflanzenwelt leidet etc.). Das Wasser geht offenbar vor allem so schnell zurück, weil durch die Wasserknappheit in der Region aus den Zuflüssen (dem Jordan) zu viel Wasser entnommen wird. 

„Petra ist der herrlichste Ort der Welt“

In seinem Werk „Die sieben Säulen der Weisheit“ beschreibt Thomas Edward Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien, Petra als herrlichsten Ort der Welt - wobei jede Beschreibung seiner Meinung nach vor dem eigenen Erleben der Stadt verblassen müsse. Das beschreibt für mich sehr treffend, wie ich Petra empfunden habe und wie schwierig es ist, die Faszination für diesen Ort in Worte zu fassen.

 

Die verlassene Felsenstadt war in der Antike die Hauptstadt des Reiches der Nabatäer  (150 v. Chr. bis 105 n. Chr.). Mit seinen gigantischen Grabtempeln, deren Fassaden direkt aus dem anstehenden Fels gemeißelt wurden, ist Petra ein einfach atemberaubendes Kulturdenkmal. Kaum zu fassen, dass die Menschen die Fassaden, Höhlen, das Theater etc damals. mit eigenen Händen in die Felsen gehauen haben! Auf unserer Erkundungstour wurden wir von einem einheimischen Beduinen begleitet, der in Petra als Sohn einer lokalen Familie in einer Höhle Petras geboren wurde. Er ging mit uns nicht durch den üblichen Touristeneingang in Wadi Musa, sondern über einen Pfad nach Petra hinein, fernab der üblichen Route. So wanderten und kletterten wir an unserem Petratag ca. 8 Stunden über Felsen und hüglige Abhänge, bis auf die Spitze des Klosters hinauf, die über 800 Stufen hinunter zu den Tombs (Felsengräbern) und schließlich auf den Pfad zum berühmten „Treasury“ bzw. Schatzhaus von Petra. Mit fast 40 Metern Höhe und 25 Metern Breite ist das im hellenistischen Stil erbaute Schatzhaus (arabisch: „Khazne al-Firaun“) das wohl berühmteste Bauwerk Petras und so manchem vielleicht aus Indiana Jones und der letzte Kreuzzug bekannt. Wenn man unmittelbar vor dem „Treasury“ steht, sieht man, dass bei weitem nicht alles von Petra heute sichtbar und freigelegt ist. Unter dem sichtbaren Teil des „Khazne al Firaun“ liegen noch mehrere Levels, die sich unter dem Gitter und Gestein abzeichnen, tritt man nah genug an die Fassade heran. Durch unsere Wanderung konnten wir Petra aus einer sehr interessanten Perspektive kennenlernen und es war wirklich atemberaubend. Oder herrlich, wie Lawrence sagen würde. Trotzdem verblasst diese Beschreibung vermutlich vor dem eigenen Erleben der Stadt, um seine Worte zu nutzen. 

Wadi Rum- the valley of the moon 

Wüstenspaziergänge, Kamelrennen und Sternschnuppen schauen bei Nacht sind nur ein paar der Highlights, die die orangene Wüste Wadi Rum als letzte Station unserer Reise für uns bereithielt. Wadi Rum ist eine Fels- und Sandwüste im Süden von Jordanien, östlich der Stadt Aqaba und etwa 100 KM lang und 60 KM breit. Der orangene Sand und die orangebraunen Felsen ergeben im Kontrast zum blauen Himmel ein eindrucksvolles Farbbild. Nach einer Jeeptour an Sanddünen und Felsformationen entlang, schauten wir den Sonnenuntergang auf einem der großen Felsen und unterhielten uns abends mit manch anderen Reisenden im Beduinen Camp. Man tauschte sich über Reiseerfahrungen und –pläne in der Region aus oder genoss auch einfach mal die Stille und die wunderschöne monderleuchtete Landschaft. Vor dem Einschlafen zählte ich 13 Sternschnuppen :-).

„Welcome to Jordan!“

Ob im Zuge von Polizeikontrollen, vom Pilot, Taxifahrer, Lehrerkollegen, Schüler, Obstverkäufer auf der Straße oder gänzlich fremden Leuten, die es dir aus dem Auto zu rufen… von überall her tönt es „Welcome to Jordan!“. Und ja, tatsächlich fühle ich mich hier wirklich sehr willkommen. Die Gastfreundschaft, die mir Kollegen, Freunde und auch (fuer mein Gefuehl lediglich) ferne Bekannte entgegen bringen, empfinde ich als unglaublich groß und großzügig, manchmal beinahe grenzenlos. Ich fühle mich manchmal so, als könnte ich mich niemals ausreichend revanchieren. Anschluss zu finden war wirklich nie ein Problem und ich bin nicht nur in der Schule, sondern auch in meiner Freizeit so beschäftigt, dass ich für diesen Blogeintrag einen festen Schreibtermin eingerichtet habe :D. Besonders schnell Kontakte gefunden habe ich über Benjamins Kontakt zur sogenannten Shams Community (wortwörtlich „Sonnengemeinschaft“), eine Gruppe von lokalen und internationalen Menschen, die sich jeden Montag zum Dialog über verschiedene gesellschaftliche und politische Themen trifft und sich selbst folgendermaßen beschreibt:

„Shams is a shared community, aims to find an innovative and entrepreneurial solutions to social and environmental challenges in Jordan. Shams founded on the premise that every individual has the potential to create change, both internally & externally. Shams aims to facilitate such change by connecting, inspiring and empowering people to redesign their lives & the communities.“

 

Gegen einen kleinen Unkostenbeitrag isst man dort montags zuerst gemeinsam das vom Gastgeber und seinen Freiwilligen köstlich zubereitete Abendessen und sitzt danach für ca. 1,5-2 Stunden in Gesprächsgruppen zusammen. Jedes Treffen steht unter einem bestimmten Thema (z.B. recycling, terrorism & counterterrorism, social entrepreneurship) und in den Gesprächsgruppen werden Zettel mit vorbereiteten Fragen gezogen, die mal mehr, mal weniger heiß, aber immer sehr respektvoll diskutiert werden. Shams regt mich jeden Montag aufs Neue zum Nachdenken an und seitdem ich dort regelmäßig bin, herrscht auch jenseits des Montags Hochbetrieb in meinem Freizeitkalender, da ich dort sehr tolle und interessante Freundschaften schließe, sowohl zu Jordaniern/Palästinensern, als auch zur internationalen Expat Community.

Wie berichten?

Jordanien ist für mich zum ersten Mal überhaupt ein Aufenthalt in einem arabischen Land und zum ersten Mal ein Aufenthalt in einem Land des Nahen Ostens und des Globalen Südens für länger als 2 Wochen. Er geht durch die Etablierung eines Alltags über eine touristische Reise hinaus und ist mit 3 Monaten doch viel zu kurz, um nur ansatzweise gut zu verstehen, wie Gesellschaft, System, Schule und alles um mich herum funktionieren und welche kontextuellen Faktoren das ein oder andere (mit-)strukturieren. Ich habe beim Versuch der Einordnung und Beschreibung von Erfahrungen und Situationen, die ich als herausfordernd und sehr neu empfinde, zuerst Schwierigkeiten gehabt. Wie soll ich darüber berichten, dass ich mich bei den vielen Blicken und Kommentaren, die mir in Downtown entgegen wehen, nicht immer zu 100% wohl fühle, schwierige Gespräche bzgl. des Israel-Palästina Konflikts nicht spurlos an mir vorbei gehen und manche Alltagsroutinen für mich gewöhnungsbedürftig waren? Das Empfinden, dass manche Situationen im Alltag herausfordernd und auch mal anstrengend waren kann ich nicht leugnen, doch sie sind eine sehr gute Gelegenheit zur Reflexion gewesen. Das finde ich sehr bereichernd für meine persönliche und berufliche Entwicklung und dennoch merke ich, wie viel es eigentlich noch zu wissen, zu lernen und zu reflektieren gibt, jetzt wo ich das Leben in Jordanien einmal angekratzt habe. Verzeiht mir besonders in den folgenden Abschnitten daher bitte, wenn die ein oder andere Formulierung zur Beschreibung meines Empfindens vielleicht zu sehr stereotypisiert oder generalisiert- ich lerne jeden Tag dazu :-).

       All you need is „Wasta“?

 

Ich fühle mich zeitweise weniger unabhängig in meinem Alltag in Jordanien und lokale Kontakte (zu verlässlichen Personen) machen mir das Leben gefühlt 10 Mal leichter. Auch wenn ich seit 1 ½ Jahren Hocharabisch lerne und hier einen Dialektkurs mache, ist Kommunikation nicht ein allein der Schlüssel zum gesellschaftlichen Erfolg. Ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Arrangements scheint auf dem Vorhandensein von „Wasta“ zu basieren, wie mir mein Kumpel Hassan erklärte und wie ich selbst immer wieder merke. „Wasta“ ist zu Deutsch ungefähr mit „Kontakten“ zu übersetzen. Wasta ist wertvoll, am besten von hier und hilft in schwierigen Situationen, in denen man alleine manchmal leider nur schlechter weiterkommt. Mein Wasta kommuniziert für mich z. B. mit dem nicht Englisch sprechenden Hausmeister, richtet meinen Handyvertrag ein, wenn man mir Schrott andrehen will, fährt mich sicher durch den progressiven Stadtverkehr, beugt manch unangenehme zwischenmenschliche Begegnung vor und verhandelt den Orientteppich ca. 3 mal so billig, wie ich es gekonnt hätte. Das ist jetzt vielleicht etwas überspitzt formuliert und klingt als könnte ich nichts alleine, spiegelt aber mein zeitweises „ohne Wasta keine Competition“ Gefühl wider, bei dem es nicht nur um Sprachdifferenzen geht. Mittlerweile fühle ich mich nach 2 Monaten Jordanien auch immer kompetenter und selbstständiger, aber Wasta hilft. 

Israel? Palästina? 

Dieses Fass traue ich mich schon in Gesprächen vor Ort kaum aufzumachen und es kann hier sicherlich nicht inhaltlich abgehandelt werden. Trotzdem ist es ein Thema, dessen Konfliktpotential ich in einigen Begegnungen deutlich zu spüren bekomme, besonders wenn ich mich als Deutsche offenbare. Ich kann nur sagen, dass mich die scharfen, schwierigen, emotionalen, langatmigen oder auch unmöglichen Gespräche zu diesem Thema dazu bewegen, mich inhaltlich tiefer und umfassender damit auseinanderzusetzen und meine eigene Wahrnehmung dazu zu reflektieren. Es ist und bleibt ein brennendes Thema der Region (brennender noch, als ich dachte). 

(Downtown) Amman 

Wuselig, laut, heiß, eng, kreativer Verkehr, schnelllebig – Amman. Was für eine Stadt. Amman schult mich, sonst eher ungeduldigen Menschen, in Tiefenentspannung im Alltag. Solange uns der Himmel nicht auf den Kopf fällt wird noch für jedes Problemchen eine kreative Lösung gefunden. Dazu singt der Muezzin überall unüberhörbar 5 Mal am Tag und gehört für mich mittlerweile schon so zum Alltagssound, dass ich ihn bestimmt vermissen werde, wenn ich wieder Zuhause bin und kein „Allaaaahu akbar“ mehr durch die Straßen hallt. Unglaublich atmosphärisch finde ich das und so laut, hupend, quietschend und scheinbar vor Verkehr und Menschen explodierend Amman auch ist; wenn man gegen 7 Uhr abends mit einem (natürlich alkoholfreien) Bierchen auf der Zitadelle auf dem Jabal Al-Qualaa sitzt und zur Abenddämmerung das synchron um die Bergen Ammans wandernde „Allahu akbar“ die Alltagsgeräusche übertönt, ist das für mich ungefähr der tollste Sound, den ich mir charakteristisch für mein Amman vorstellen kann.

(Schul-) Alltag in der Al Asriyya

Neben all meinen landeskundlichen, horizonterweiternden, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen arbeite ich natürlich auch ;). Mein SCHULWÄRTS! Praktikum absolviere ich an der Al Asriyya Gesamtschule in West Amman. Der Westen der Hauptstadt steht im Vergleich zum Osten sozioökonomisch deutlich besser da und die Al Asriyya ist eine gut ausgestattete Privat- und PASCH Schule (Partnerschule des Goethe Instituts). Auf ihr findet sich der Einschätzung meiner Goethe Institut Chefin zufolge ca. ein Querschnitt der mittleren bis oberen Gesellschaftsschicht Jordaniens wieder. Die Al Asriyya übertrifft als Privatschule mit einem Schulgeld von um die 3500 JD (ca 4200 €) das jährliche Durchschnittseinkommen der Jordanier/innen und ist von ihrer Ausstattung her damit nicht mit den öffentlichen Schulen in Jordanien zu vergleichen. Die scheinen in vielerlei Hinsicht weitaus schlechter dazustehen als die Al Asriyya.

 

Ich arbeite als Assistenzlehrkraft in der Deutsch-Französischen Abteilung der Schule, unterrichte Deutsch, führe meine SCHULWÄRTS!-Projekte durch und hospitiere bald noch in Sozialwissenschaften, Islamiyat (=Religionsunterricht hier) und in der Sonderpädagogikabteilung. Insgesamt ist die Al Asriyya eine sehr angesehene Schule und bietet neben dem jordanischen Schulsystem, welches zum Tawjihi (jordanisches Abitur) führt, auch einen internationalen „IG“ Zweig, auf dem mit Englisch als Erstsprache ein britischer Schulabschluss erworben werden kann. In jeder der Klassenstufen, in denen ich unterrichte, gibt es also N (nationale) und IG (internationale) Klassen mit unterschiedlichen curricularen Voraussetzungen. Deutsch kann hier ab der 6. Klasse von beiden Schulzweigen gewählt werden und geht bis maximal zur 10. Klasse (von 12). In Amman und Madaba gibt es die Deutsch-Jordanische Universität (GJU) über die das akademische Nutzen von Deutsch spürbar wird und einige meiner Schüler lernen begeistert Deutsch, weil ihr/e und/oder sein/e Schwester oder Bruder (z.B. ueber die GJU) in Deutschland studiert.

 

 

Schulalltag an der Al Asriyya ist in mancher Hinsicht sicherlich deutlich anders, in mancherlei Hinsicht aber auch erstaunlich ähnlich zum mir bekannten Schulalltag in Deutschland. Auf den ersten Blick sehr anders ist sicherlich, dass jeden Morgen alle Lernenden um 07:45 Uhr zum gemeinsamen Morgenritual auf dem Schulhof stehen: es wird die Nationalhymne gesungen, Stellen des Korans vorgelesen, Dehnübungen gemacht und auf Feierlichkeiten oder besondere Tagesanlässe hingewiesen. Die zwei Deutschlehrenden der Schule, mit denen ich hauptsächlich kooperiere, sind ein Jordanier und eine Jordanierin, die hier Deutsch als Fremdsprache studiert haben und dann als Lehrende in die Schule gekommen sind. Ein Lehramtsstudium gibt es in Jordanien nicht, ebenso wenig ein Referendariat. Dementsprechend ist der Berufsalltag des Lehrers hier an andere Voraussetzungen geknüpft. Man studiert das Fach (Biologie, Deutsch, Englisch,...) und geht dann an die Schule, in der man auf bestimmte eigene Strukturen (Zielvereinbarungen, Schulrituale, pädagogische Vorstellungen und Regeln) trifft oder eben auch nicht. Das bringt mich, die ich nicht nur ein pädagogisches sondern auch ein sonderpädagogisches Studium hinter mir habe, manchmal in herausfordernde Situationen, denn ich würde manchmal gerne alles mal ganz anders machen und ausprobieren, als es hier Status quo ist. Ein bisschen kann ich das auch und das freut mich. Eine sensible Abstimmung mit den Lehrenden vor Ort, Geduld und Verbalisierung von (pädagogischen) Vorstellungen und Fragen sind ein gutes Training und auch Inspiration für mein Verständnis vom Lehrberuf. 

Meine ( & Goethe) Projekte an der Al Asriyya

Eins meiner Projekte hier ist ein Landeskundeprojekt mit der 10. IG, welches Ende Oktober zu einem Deutschlandtag an der Schule führen soll, im Rahmen dessen sich die Lernenden, deren Sprachwahl an der Schule noch ansteht, über Deutschland und die Möglichkeiten mit Deutsch in Jordanien informieren können sollen. Mein außercurriculares Projekt ist ein Musikprojekt in Kooperation mit den „Erfindenkern“ aus Hamburg, die im Oktober aus Deutschland an die Al Asriyya kommen und ein Musikprojekt mit den Schülern realisieren, welches im besten Fall zu einem Konzert an der Schule führen soll. Wir studieren ueber auditives Lernen deutsche Lieder wie „Musik sein“ von Wincent Weiss und „Einmal um die Welt“ von Cro ein. Ich leiste dazu quasi die musikalische Vorarbeit, indem ich Sprache und Musiklernen mit kleinen Rhythmus- und Singspielen verbinde und die Klassen musikalisch auf die Workshops mit den Hamburgern vorbereite. Pädagogisch habe ich den Fokus im Rahmen von SCHULWÄRTS! auf den Faktor classroom management gelegt. Ich kann nicht verleugnen, dass mir manchmal alles noch etwas zu wild vorkommt und ich andere Strategien zur Herstellung von Ruhe und effektiver Lernzeit wählen würde, daher beobachte ich damit in Verbindung stehende Prozesse hier genauer. 

Das Praktikum hilft mir tatsächlich auch ein bisschen mein Klientel in den Integrationsklassen in Deutschland besser zu reflektieren und zu verstehen. Ich meine jetzt besser begreifen zu können woher sie kommen, wie sie Lehrpersonen verstehen und wie anders sich Schule für sie anfühlen muss. Vielleicht wird mir SCHULWÄRTS! auch helfen meinen Unterricht in Deutschland in diesen Klassen ab November noch effektiver zu gestalten (falls ich den Job wirklich zurück bekomme- In sha Allah). Insgesamt sehe ich das Praktikum daher jetzt schon als große Bereicherung.  Besonders einem deutsch-jordanischer Lehreraustausch der Ende Oktober noch vom Goethe aus stattfinden und den Besuch der Schulen im syrischen Flüchtlingscamp Azraq und einer UNRWA Schule (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East, dt.: Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten) miteinschließen wird, blicke ich sehr sehr gespannt entgegen.

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang

Ma shah Allah

Insgesamt bleibt mir nach meinem kleinen Blog Roman und wenn ich so drüber nachdenke nur so etwas zu sagen wie „Ma shah Allah“ („Gott will das“), hier häufig für ein positives „Wow“, „Erstaunlich“, „Toll“ gebraucht. Ich bin selbst stolz darauf, dass ich hier bin und freue mich wirklich an jedem einzelnen Tag, den ich hier verbringen darf. Ich sauge jede Erfahrung und jeden Tag buchstäblich in mich auf. Bis zu meiner Abreise Anfang November werde ich das wohl weiter tun: alles aufsaugen und zu 200% genießen. Entschuldigung nochmal an alle lieben Freunde und Bekannten, die sich mehr Updates von mir wünschen, ich hoffe ich habe hiermit einen anschaulichen Rahmen für mein Leben in Jordanien gezeichnet. Bis zu meiner gefühlt viiel zu baldigen Abreise schwimme ich noch ein bisschen im Erfahrungsbad Jordaniens und fühle mich so weit weg Zuhause manchmal irgendwie viel mehr bei mir selbst als sonst (komisch, oder?). Und auch wenn ich mich zu gegebener Zeit sicher wieder auf Zuhause und auf Deutschland freuen werde ist mir jetzt schon klar: ein weinendes Auge wird’s beim Abschied mindestens. 

 

As-Salamu alaikum

Eure Lucia

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