Auf Wiedersehen Blog

Auch wenn ich mittlerweile mit Eiscafé und inmitten von vielen Sonnenstrahlen, beim Vogelgezwitscher in Namibia sitze – was zugegeben ein ganz schönes Kontrastprogramm zu dem Winter in der Ukraine ist – bleibt noch eine Sache offen: so etwas wie ein Abschiedsblog. Gleich beim Schreiben fällt mir auf, dass mir das Wort Abschiedsblog eher unpassend erscheint, da zwar meine Zeit als Schulwärtsstipendiatin an dem Lyzeum an der Karazin-Universität nun vorbei ist, ich aber nicht endgültig Abschied genommen habe, und dies wohl auch nie werde. ‚AufWiedersehenBlog!‘ ist wohl eher angebracht.

Kurz vor Ende meines Praktikums führte ich mit Diana, einer Schülerin der 10.Klasse ein Interview, in welchem sie mich fragte, was ich denn in der Zeit in der Ukraine gelernt hätte und all solche Dinge. Das Interview war an sich einfach ein bisschen komisch. Ich saß da, mit nicht dem schönsten Outfit (später bemerkte ich sogar, dass ich mein T-Shirt verkehrt herum anhatte), fühlte mich nicht besonders prima und meine Gedanken hingen mitunter beinah mehr an der darauf folgenden Tasse Café (die ich mir zu holen gedachte), als im Hier und Jetzt. Ums kurz zu machen: ich fühlte mich nicht so toll und war anschließend mit meinen Antworten eher unzufrieden.

Womit wir aber gleich beim Thema wären. Ich bin von Haus aus eher etwas perfektionistisch veranlagt. Ich möchte, dass immer alles ganz toll ist und so. Dabei stelle ich allzu oft Ansprüche, die ich dann häufig doch nicht erfüllen kann. „Das Beste ist der Feind des Guten.“ Diesen Satz teilte mir Tatiana Chepurna mit, während wir zusammen mit Tatiana Borisovna beim Sushiessen saßen. Zwei Frauen, die ich nicht nur auf Grund ihrer Lebenserfahrung und -einstellung hoch schätzte, sondern für noch so viel mehr (in diesem Moment beispielsweise für die Kunst mit Stäbchen in Zusammenwirkung mit Nigiri umzugehen). Dieser Satz aber eben schwirrt mir seither immer im Kopf. Sie erzählte mir von einem Freund, der immer alles besser machen wollte und im Endeffekt vieles schlechter machte als zuvor. Liebe Tatiana Chepurna und Tatiana Borisovna, an dieser Stelle nochmals vielen Dank für all ihre Geschichten, die ich immer im Kopf und Herzen tragen werde, auch wenn nicht alle hier auf diesem Blog ihren Platz finden werden.

Es gibt so vieles, was mir in der Zeit in Charkiw bewusst geworden ist; beispielsweise, dass Humor immer gut ist, um mit verschiedensten Situationen umzugehen, Ehrlichkeit am längsten währt, die modernste Technik einen mitunter zum Verzweifeln bringen kann (beispielsweise wenn Briefe auf Kühlschranktüren aufleuchten), dass sowieso ganz viel, was es so gibt nicht unbedingt gebraucht wird, dass Mimik und Gestik derweilen mehr als 1000 Worte sagen können und das gute Freunde, Familie und Gemeinschaft so unglaublich viel wert sind.

Ich kann hier nicht all das schreiben oder probieren zu erklären, was ich gelernt habe. Es war eine Menge! Und ich glaube, jeder wächst eben auf seine Art an seinen eigenen Erfahrungen. Aber dennoch vielleicht eine Sache, die mir selbst immer wieder auffiel:

Du kannst den Menschen nur vor den Kopf schauen.

Nicht vorschnell über einen anderen Menschen zu urteilen, empfand und empfinde ich eigentlich schon immer als sehr wichtig. Du weißt nie, warum ein Mensch so ist, wie er ist, warum er das macht, was er macht, bevor du nicht mit ihm gesprochen hast, bevor er dir nicht die Möglichkeit gegeben hat, einen Einblick in sein Leben zu gewinnen. Ich bin in der Ukraine Taxi gefahren mit einem Mann, der eigentlich Lehramt studiert hatte, es sich aber nicht länger leisten konnte, als Lehrer zu arbeiten, da er als Taxifahrer mehr Geld verdient. Ich versuchte mich, mit einer Frau auf Englisch zu unterhalten. Sie entschuldigte sich immer wieder für ihr schlechtes Englisch. Schließlich sollte man – nach ihrer Aussage - erwarten können, dass man in der heutigen Zeit gut englisch sprechen könne. Später stellte sich heraus, dass sie zwar einen Englischlehrer in der Schule gehabt hatte, dass dieser aber nie Englisch unterrichtet hat, weil er selbst kein Englisch konnte.

Manche Dinge führen für diesen Blog wohl zu weit. Was mir aber am Ende umso mehr begründet erschien, waren die großen ‚Stop Corruption‘ Schilder am Eingang des Flughafens. An dieser Stelle müssen, so denke ich, auch gar nicht mehr Worte stehen.

Es war eine wundervolle Zeit in der Ukraine. In Charkiw. An dem Lyzeum der Karazin-Universität. Ich bin unfassbar dankbar für jeden Menschen, den ich kennen lernen durfte, für all die tollen Erfahrungen, Gespräche und Momente. Danke! an alle, die meine Zeit in Charkiw zu der gemacht haben, die sie war.

 

 

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Da fährt ein Bus

Kiew ist – ob mit oder ohne Bus – immer eine Reise wert!

 

„Vielleicht weil's so einfach ist,

Kommt's, dass man so leicht vergisst.

Egal wohin ich will, da fährt ein Bus.

Muss da nur rein und sitzen bleiben bis zum Schluss

Erst geht es steil bergauf, danach steig ich aus,

geh das letzte Stück zu Fuß.

Denn egal wo ich auch bin, es gibt nen Weg

Er wird dort solang sein bis ich ihn geh

Egal wohin, ich komm dahin,

Wie genau, werd ich schon sehen.“

Mark Forster

 

Als ich dieses Lied von Mark Forster im Zuge meiner Unterrichtsvorbereitungen hörte, musste ich ein bisschen lachen, weil damit nicht nur dem ersten Tag in Odessa, sondern zudem auch meinem Halbtageserlebnis in Kiew so ziemlich auf den Kopf getroffen wurde. Als ich Odessa verließ, hatte ich, auf Grund des frühen Fluges, die Möglichkeit noch einen halben Tag in Kiew zu verbringen, bevor mein Zug in Richtung Charkiw fahren würde. Ich kam in Kiew an und es war – wie so oft – kalt. Da ich etwas Zeit hatte, dachte ich mir, ich könne auch einfach den Bus nehmen. Zuvor schaute ich noch, welcher Bus mich vom Flughafen schnellstmöglich in die Stadt fahren würde. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau welche Linie das war - was streng genommen jetzt auch gar nicht mehr so wichtig ist -, viel entscheidener für den Verlauf der Geschichte ist nämlich, dass eben diese Linie nicht erschien. Ich wartete sehnsüchtig…so ungefähr 10 Minuten (zugegeben das ist jetzt wirklich keine lange Zeit, aber wie schon erwähnt: es war kalt und ungemütlich und überhaupt). Ich dachte mir, dass ich einfach aussteige, sobald ich ein Metroschild entdecken würde. In Odessa hatte das mit dem Busfahren so prima geklappt. Da wartete ich zwar nicht auf Metroschilder (die gibt es nämlich in Odessa nicht), sondern darauf, dass ganz viele Menschen ausstiegen, denen ich mich dann anschließen konnte, und damit fuhr ich – im wahrsten Sinne des Wortes - immer gut. Das Problem in Kiew war nur, dass ich nicht nur kein Metroschild entdeckte, sondern dass zudem zwar immer viele Menschen aus- aber auch ebenso viele immerzu wieder einstiegen, und ich daher nicht so ganz ausmachen konnte, ob der Platz jetzt wichtig ist oder eben nicht. Irgendwann hopste ich einfach, gut bepackt mit meinem Rucksack, aus dem Bus. „Google Maps wird es schon richten!“, dachte ich mir. Ich war auf der Suche nach der Stephanskirche, wollte mir im Anschluss die Universität anschauen und schließlich den Nachmittag im Kunstmuseum ausklingen lassen. Soweit so gut. Doch wohin? Ich verlief mich natürlich prompt. Bei meinem Orientierungssinn kann auch manchmal Google Maps nicht mehr viel retten. Ich trottete so die Straßen entlang, packte mein Handy in die Tasche um mir die Hände zu wärmen und stand plötzlich vor einem meinen Lieblingscafes: Lwiw Chocolate. Das kam mir wie gerufen. Es gab neben WLAN, heißen Kakao und Pralinen zum Frühstück. Nachdem ich die Karten nun ausführlich analysierte, stellte ich fest, dass all die Plätze, die ich zu sehen gedachte, fußläufig etwa 5 Minuten von mir entfernt waren. Wie Prima! Es ist eben doch oft einfacher, als man denkt. 

Als Judith mich später besuchen kam, verbrachten wir nochmal ein Wochenende in Kiew. Diesmal fuhren wir zwar nicht Bus, sahen aber die Sophienkathedrale, das Michaelskloster, den Weihnachtsmarkt (inklusive Pinguin), das Goldene Tor, den Maidan (diesmal ohne Leinwände mit Soldaten) und noch allerhand mehr. 

 

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Odessa Als „Undercover Deutsche“ auf der Suche nach der verschwundenen Potemkinschen Treppe oder Die drei bezaubernden Frauen Puschkins

Ich war kaum in Charkiw angekommen, da machte ich mich auch schon wieder auf die Socken und verließ diese wunderschöne Stadt um eine andere zu besichtigen.

Wie bereits beschrieben, hatte ich in der ersten Woche die Möglichkeit die Schüler des Lyzeums kennenzulernen. Und immer wenn ich von großen Städten in Deutschland sprach - Berlin, Hamburg, München -, wiesen sie mich auf die großen Städte der Ukraine hin: Kiew, Charkiw, Odessa. Kiew hatte ich besucht und in Charkiw würde ich die nächsten Wochen verbringen. Da kam es ganz wunderbar gelegen, dass Ende Oktober in der Ukraine Schulferien waren. Ich packte also meinen Rucksack, stieg zuerst in den Zug und anschließend in das Flugzeug (die Ukraine ist ein sehr großes Land und Odessa liegt knappe 700 km von Charkiw entfernt), um dann eben diese weitere große Stadt der Ukraine zu erreichen.

Es war Nacht, als ich in Odessa - der weißen Perle am Schwarzen Meer - ankam. Für mich war diese Reise, nicht allein auf Grund der neuen Stadt welche ich zu erkunden plante, besonders spannend. Es war zudem meine mir selbst gemachte ‚Studienabschlussreise‘. Als ich am ersten Abend auf dem Balkon des eher schicken Hotels meine Cola (so richtig erwachsen von der Zimmerbar) trank und über die Lichter der Stadt blickte, war ich ganz einfach nur eins: GLÜCKLICH. Ich glaube, ich habe erst in diesem Moment, auf dem Balkon über den Dächern von Odessa, realisiert, was in den vergangen Monaten eigentlich alles passiert war. Ich freute mich so sehr, dass das Examen geschafft ist, darauf, diese Stadt in den nächsten Tagen zu erkunden und vor allem über eins: JETZT. HIER. ZU. SEIN.

Am nächsten Morgen wurde ich von der Sonne geweckt. Gut gelaunt und mit einem Strahlen im Gesicht verließ ich das Hotel und rannte in die Arme eines schlecht gelaunten und mit einem ‚Sprich-mich-nicht-an‘ Blick im Gesicht vor dem Hotel stehenden Security-Mitarbeiter. Er redete auf mich ein. Ich redete nicht. Irgendwie verstand ich, dass es ihm nicht passte, welchen Ausgang ich gewählt hatte. Hätten wir die gleiche Sprache gesprochen, hätte ich wahrscheinlich angefangen mit ihm zu diskutieren, weil ich sowas schlichtweg als Schwachsinn empfinde. Aber da eine Diskussion in dieser Situation mehr Schaden als Nutzen gebracht hätte, gab ich einfach klein bei und ging wieder rein um dann wieder raus zu gehen (diesmal aber durch den ‚richtigen‘ Ausgang). Am Ende war die Situation in zwei Minuten geklärt und ich dachte nicht weiter darüber nach. Dabei wurde mir klar, dass es des Öfteren - insbesondere bei solch belanglosen Dingen – einfacher sein kann, das zu tun, was die schnellstmögliche Lösung verspricht, anstatt Grundsatzdiskussionen zu beginnen. Die fehlenden sprachlichen Mittel beschränken die zwischenmenschliche Kommunikation zuweilen auf das Wesentliche. 

Ich starte einen Spaziergang durch die Stadt. Und es war herrliches Wetter. Odessa zeigte sich mir von seiner schönsten Seite. Ich spazierte durch die Straßen und klapperte in 12 Stunden alle Sehenswürdigkeiten, die mir mein Reiseführer empfahl, ab. Dabei traf ich vor dem Theater auf eine deutsche Reisegruppe. Ich fragte die Reiseleiterin, ob ich mich eventuell 5 Minuten dazu gesellen dürfte, sie fragte die Gruppe.

„Spricht das Madl denn überhaupt so gut Deutsch.“

„Naja vielleicht studiert sie ja Deutsch in Kiew oder so.“

„Ich finde schon, dass sie dann was dazuzahlen kann.“ (Was habe ich diese deutsche Genauigkeit vermisst.)

„Ach. Quatsch. Jetzt lass sie doch zuhören.“

Und dann zog mich ein Herr mit Hut und Stock am Arm und ich stand – undercover – inmitten einer deutschen Reisegruppe und lauschte den spannenden Geschichten der Stadt. Am Ende bedankte ich mich bei der Gruppe, dass ich diese Minuten mit zuhören durfte.

„Naja. Ein bissel üben muss das Madl scho noch, aber so schlecht ist ihr Deutsch ja gar nicht.“

Das Dauergrinsen ging mir den ganzen Tag nicht aus dem Gesicht. Auch nicht, während ich mich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hangelte und letztendlich verirrte, weil ich diese „blöde“ Treppe nicht fand. Es stellte sich heraus, dass ich an der Potemkinschen Treppe schon x-mal vorbei gelaufen war, sie nur so schlecht erkannte, weil sie gerade renoviert wurde. Nachdem ich einen wunderschönen Tag in der Innenstadt hatte und etwa 18 Kilometer spaziert war, entschied ich mich auch noch die letzten 6 Kilometer nach Hause zu laufen. Zu später Stunde schlängelte ich mich durch die hintersten Gassen von Odessa und verließ mich darauf, dass Google mir den richtigen Weg wies. So lernte ich neben dem doch eher touristisch geprägten Ecken auch noch andere Seiten der Stadt kennen.

Im Hotel angekommen nahm ich eine warme Dusche, die nach dem längeren Ausflug dann doch gut tat, kuschelte mich in mein Bett und lauschte dem „Postmeister“ von Puschkin, der schließlich auch längere Zeit in Odessa war und dessen Museum ich am nächsten Tag zu besuchen plante.

Bevor ich mich letztlich auf den Weg zu Puschkin und seinem Museum machte, entschied ich eine Runde am Schwarzen Meer zu joggen. Gesagt, getan. Ich schnürte die Laufschuhe und lief an der, doch eher windigen, Schwarzmeerküste entlang.

Der Museumsbesuch im Puschkin-Museum sollte der bis dato liebevollste Museumsbesuch werden, den ich je hatte.

Als ich das Hinterhäuschen des Museums betrat, wartete eine Frau im Flur, die noch schnell ihre Zigarette vor mir zu versteckten versuchte. Sie guckte mich fragend an: „Puschkin?“ Ein leicht fröstelndes aber dennoch kräftiges „DA!“, glitt über meine Lippen. Die Frau hatte sich so gefreut. Wir versuchten ein bisschen zu erzählen und mixten Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Sie rief ‚oben‘ an und verkündete, dass Besuch gekommen sei. Fein säuberlich schnitt sie mir mit einer Nagelschere meine Eintrittskarte aus. Ich stieg die Treppen in dem alten Haus hinauf und die Dielen knarksten unter meinen Füßen. Dann öffnete ich die erste große Flügeltür. Dahinter schwirrte eine weitere Frau herum. Sie bereitete alles vor, stellte den Heizlüfter auf volle Kanne, platzierte mich auf dem Stuhl daneben und legte mir einen A4 Hefter hin, indem auf Deutsch erklärt war, was ich in den kommenden Räumen sehen werde. Nachdem ich nun in ihrem Beisein all diese Räume besichtigte, und sie mich immer wieder auf besondere Schätze aufmerksam machte, führte sie mich in einen weiteren Teil des Museum und übergab mich in die Obhut einer dritten Frau, welche bestimmt 90 Jahre alt war. Wenn ich mich an ihre Fröhlichkeit zurück entsinne, wird mir ganz warm ums Herz. Sie atmete einmal tief durch und redete drauf los. Vor uns lag eine Gemäldegalerie mit Puschkins Familie, Zeitgenossen und Co. Dahinter wartete noch ein bisschen moderne Kunst. Die hat ihr nicht gefallen. Das war schnell klar.

Ich verbrachte 3 Stunden in diesem kleinem gelben Hinterhäuschen. Drei Stunden voller Glück, Freude und Herzenswärme und ich rate jedem der plant nach Odessa zu fahren, neben den ganzen Sehenswürdigkeiten auch einen Schritt in dieses Museum zu wagen und sich von der Freude dieser drei Damen verzaubern zu lassen.

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Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen

Es sind -10 Grad. Ich stampfe nach der Schule vollbepackt mit Laptop, IPad, Büchern und sonstigen Materialien, durch den Schnee. Mir ist ein bisschen kalt, aber nicht mehr so sehr wie in den ersten Wochen, in denen ich naiver Weise annahm, mein Wintermantel vom großen schwedischen Modekonzern, würde genügen um den Winter in der Ostukraine zu überstehen. Meine Kapuze, die ich – wie von Tatiana Chepurna beauftragt - über meine Mütze ziehe, wärmt mich zwar, hat aber eine eingeschränkte Sichtweite zur Folge. Hier in Charkiw gibt es einen Winter, wie er im Buche steht. Man sieht Schlitten, Schneeballschlachten und Menschen, die laufen wie Pinguine, aus Angst, bei der Glätte doch einmal mehr auf dem Hosenboden zu landen. Und auch ich muss nicht nur darauf achten, dass ich nicht hinfalle, sondern gleichzeitig darauf, dass der Schnee nicht allzu stark in meine Tasche rieselt. Ich gehe ganz zielstrebig auf ein kleines gelbes Schild mit zwei Pfefferkuchenmännern (die Schüler freuten sich sehr über ein neues ‚kurzes‘ deutsches Wort) zu, das mittig der Sumska auf eines meiner Lieblingscafés aufmerksam macht. Auf der Treppe vor dem Café schüttele ich den Schnee so gut es geht von meinen Schuhen und betrete das Gingerbread. Es riecht nach Kakao, Lebkuchen, Café und Tee. Wäre Gemütlichkeit ein Geruch, dann wäre es dieser. In der 3.Klasse sollte ich einmal aufschreiben, was ich am Winter am meisten mag, und schon damals hatte es mir dieses Gefühl von Gemütlichkeit, was man meiner Meinung so nur im Winter hat, angetan. Und zum gemütlichen Verweilen bietet Charkiw mehr als nur eine Möglichkeit. Neben dem Gingerbread, indem es - wenn man mich fragt - nicht nur den besten Kuchen sondern auch den besten Raff der Stadt gibt, wartet beispielsweise das Restaurant Paris mit seinen verschieden dekorierten Speisesälen und einer Vielfalt an prima Essen, auf einen. Zudem gibt es ausgezeichnetes Sushi sowie spitzen Pizza und Pasta. In der großen Markthalle hat man eine riesige Auswahl an georgischen Spezialitäten, französischen Macarons, türkischen Baklava und Co. Es wäre jedoch falsch anzunehmen, dass die Ukraine nicht auch genügend andere, landestypische Spezialitäten zu bieten hätte. Wareniki, Kiewer Kotelett, Olivier oder das einfache Butterbroad; es schmeckt ganz einfach vorzüglich. Besonders schwärme ich für Wareniki in allen möglichen Variationen. Ob mit Käse, Fleisch, Kohl oder als Dessert mit Kirschen. Vielen Dank an dieser Stelle nochmals an Anja und Dasha, die mir akribisch dabei halfen, auch das letzte Gericht auf meiner von den Schülern erstellten Liste, streichen zu können. In diesem Sinne: Priyatnogo Appetita.

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„Und ihre Lieblingsstadt?“ Meine Lieblingsstadt ist Berlin… „nach Charkiw!“ Nach Charkiw. Natürlich ;-)

Berlin besaß und wird wohl für mich auch immer eine Sonderstellung besitzen, aber dennoch: Charkiw ist eine Stadt, die man nicht - allein auf Grund ihrer Größe (zweitgrößte Stadt der Ukraine) - unterschätzen sollte. Schon am ersten Tag führte mich Nastja zu einigen wichtigen Punkten. Wir starteten in der Leninstraße, die heute nicht mehr Leninstraße heißt. Am Ende dieser Straße wartet ein kleiner Park der die Leninstatue umgibt, wo heute keine Leninstatue mehr steht. Nun gut. Soviel zu Beginn. Nach der anfänglichen humorvollen Einstimmung, begann eine ‚richtige‘ Sightseeing Tour, wie sie sich gehört. Ich sah die imposante, auf mich so mächtig erscheinende Karazin-Universität, die am ebenso sehr imposanten und mit 12 Hektar größten Platz Europas, dem Majdan Svobody, liegt. Unsere Tour führte uns durch den Schewtschenko-Park, zum großen Denkmal für Taras Schewtschenko, einem sehr bedeutenden ukrainischen Lyriker. Wir gehen, ausgehend vom Theater und dem Pavillon am Spiegelstrahl, entlang der Sums’ka an wunderhübschen Jugendstilhäusern, dem Schauspielhaus und dem historischen Museum vorbei, bis unsere Route vorerst an einem Ort endet, von welchem wir eine tolle Sicht auf die Mariä-Verkündigung-Kirche haben. Außerdem besuchten wir den Gorki-Park.

 

Dies tat ich in der letzten Woche erneut in den Abendstunden mit Anna und Darya, zwei Studentinnen, die ich im Deutschen Zentrum kennenlernte. Wir fuhren zusammen bei Nacht mit dem Riesenrad und Anna versicherte mir, dass das der schönste Park dieser Art in der ganzen Ukraine sei. Es gibt Zuckerwatte und lachende Kinder und viele Lichter und Karussells und Touristen und ein bisschen Kitsch und ja…es gibt alles, was zu so einem Park gehört. Abgesehen von dem Gorki-Park besuchte ich auch die anderen Orte erneut und sah Vieles mehr. Wenn ich kann, nehme ich mir die Zeit und setze mich in die Nähe solcher Plätze. Dann beobachte ich nicht nur die imposanten Gebäude, sondern dann beobachte ich vor allem eins: die Menschen. Und dann sehe ich ein frisch verheiratetes Ehepaar, das trotz Minusgraden ohne Jacken vor dem Standesamt posiert und dessen Mütter sich in den Fotopausen sofort mit Decken auf sie stürzen. Und dann sehe ich die Jugendlichen, die abends an dem Pavillon ein Selfie schießen. Und dann sehe ich viele Menschen, die schicke Kostüme tragen und sich auf ihren Theaterbesuch freuen. Und dann sehe ich ein kleines Mädchen, das zu Füßen des großen Schewtschenko ihr Butterbrot (was im russischen übrigens „Buterbrod“ heißt) isst und sich über die Sonnenstrahlen freut.

Und dann sehe ich wunderbare Menschen in einer wunderbaren Stadt. 

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HERZLICH Willkommen!

Nach diesem tollen und spannenden Wochenende in Kiew machte ich mich mit dem Zug auf den Weg nach Charkiw. Die Sonne strahlte an diesem Sonntag aus ganzer Kraft. Ich verließ das Seminar etwas zeitiger, um noch rechtzeitig zum Bahnhof zu kommen. Im Metrofahren hatte ich mich ja schon am Wochenende geübt (so ganz ohne auch nur ein Wort zu verstehen). Aber schließlich habe ich einen Verkehrsingenieur zum Papa, den ich auch in Gedanken nicht enttäuschen wollte. Ich nehme diese Tatsache naiver Weise immer als Grund dafür an, dass ich mich schon mit jeglichen Nah- und Fernverkehr arrangieren könne. Nicht ganz zu Recht; wie sich bald herausstellen sollte. 

 

Da war ich nun. Ganz allein in dieser riesigen Bahnhofshalle. Ich hatte noch keine ukrainische Handynummer und auch kein WLAN oder ähnliches, was mir vielleicht hätte helfen können. Ich schaute auf mein Bahnticket. Ich verstand nicht ein Wort. Ich stand da mit einem schweren Rucksack, einem Koffer, drei Tüten sowie einer Flasche Wasser in der einen und dem Ticket, in der anderen Hand und…LACHTE. Ich lachte einfach. Hätte ich eine Hand frei gehabt, hätte ich mir an den Kopf gefasst, welchen ich aber nun passend zu dem Lachen einfach nur schüttelte. Die Anzeigen auf der großen Bahnhofstafel änderten sich ständig. Aber um ganz ehrlich zu sein, war das auch nicht ausschlaggebend für meine ohnehin große Verwirrung, denn ich konnte es ja eh nichts verstehen. 

 

Durchatmen. Das ist das Gute, wenn du allein bist. Es muss weiter gehen. Und es wird weitergehen. Irgendwie wirst du das schaffen. Einfach, weil du es schaffen musst. Ich quatschte also – nachdem der Versuch an der Bahnhofsinformation scheiterte - jeden Menschen an, der mir über den Weg lief und wedelte mit dem Ticket in der Hoffnung, dass mir jemand erklären könne, zu welchem Gleis ich müsse. Mein Gegenüber wedelte jeweils nur mit dem Kopf. Bis dann ein - mir etwas merkwürdig erscheinender Mann -  vor mir stand (und das sage ich, wo doch jeder, der die letzten Zeilen aufmerksam gelesen hat, wissen müsste, dass ich in diesem Moment wohlmöglich auch nicht gerad seriös erschien).

 

Dieser Mann blieb nun vor mir stehen und versicherte mir, dass er wisse wo ich hin müsse. Und das obwohl er mein Ticket noch nicht einmal gesehen hatte. Also irgendwo hat dann auch meine Gutgläubigkeit mal ein Ende. Ich sagte „NIIIIIIIIIIIIIIET!“. Und das nicht nur einmal. Doch er blieb. Er rückte mir richtig auf die Pelle. Was für eine unangenehme Situation. Ich bekam ein bisschen Angst, packte meine Tüten und wurde schneller. Er folgte mir. Er folgte mir so lang, bis ich rannte. Ich wollte gerade alles hinschmeißen und stampfen, da die Situation so ausweglos erschien, als ich meinen Kopf nach oben neigte (um die erste mögliche Wutträne zu unterbinden), und das Bahnhofsschild erblickte. Auf diesem Schild stand „Kiew – Charkiw“.

 

Manchmal braucht man einfach mehr Glück als Verstand.

 

Ich fuhr ca. 400 km quer durch die Ukraine. Der ukrainische Schnellzug ist mit dem deutschen ICE zu vergleichen (Tickets kann man im Übrigen hier:   http://booking.uz.gov.ua/en/ online kaufen). Nichts von auseinanderfallenden Sitzen oder ähnlichen. Ich schaute aus dem Fenster. Es gibt kaum etwas Ungewöhnliches zu berichten. Die Fahrt war quasi eins zu eins die Gleiche, wie die Fahrt von München nach Magdeburg (nur um einiges günstiger). Der Zug fuhr mich eben nur nicht von München nach Magdeburg, sondern von Kiew nach Charkiw. Oder Kahrkiv. Oder Kharkov. Keine Ahnung. Die richtige Aussprache und Schreibweise der Stadt, in welcher ich knapp drei Monate leben würde, war nur eine Unsicherheit von vielen. In Mails wird es mal so mal so geschrieben (mittlerweile weiß ich, dass eigentlich alles richtig ist). Die Zeit verging, die Aufregung kam. Ich war wirklich nervös: „Wie wird das wohl alles werden? Die Stadt? Die Wohnung? Die Schule? Die Lehrer? Und vor allem: die Schüler?“

 

Es blieben noch 10 Minuten bis ich den Bahnhof von Charkiw erreichen würde. Ich hätte platzen können vor Nervosität. Ich stieg aus und sah im ersten Moment niemanden. Doch dann stand sie da: Tatiana Chepurna (mit einem richtigen Schild aus Papier mit meinem Namen). Sie ist die betreuende Lehrkraft des Goethe Instituts an dem Lyzeum an der Karazin-Universität, an dem ich in Zukunft sein werde. Ich war so erleichtert. Mit ihr kam die Englischlehrerin. Beide hatten ein Strahlen im Gesicht und empfingen mich ganz herzlich. Tatiana Chepurna „organisierte alles“. Ich bekam noch am gleichen Abend eine ukrainische Handynummer und Metrobahnhkarte. Außerdem wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass mich am nächsten Morgen der Deutschlehrer abholen und mich zur Schule bringen würde. 

 

Valera, die Englischlehrerin, brachte mich in meine neue Bleibe; die Wohnung ihrer Mama. Ihre Mama, die nur ukrainisch und russisch spricht, und mit der ich in Zukunft zusammen leben werde. Das wusste ich. Dass dazu aber auch ein kleiner Hund gehört, wusste ich nicht. Ich habe ein bisschen Angst vor Hunden, wenn ich sie nicht kenne. Ich konnte mich nicht entscheiden, über was ich mich mehr sorgen sollte: über die Sprache, den Hund oder die vollkommen, neue und fremde Umgebung. Also entscheid ich mich einfach für: NICHTS. Das erschien mir in dem Moment am einfachsten. Ich freundete mich noch in den nächsten Stunden mit dem Hund an, trank mit der Mama gemeinsam Tee und packte aus.

 

Valera richtete mir mein Handy ein und half mir bei allen Fragen. Sie sollte mir auch noch in den nächsten Tagen eine große Hilfe sein, wenn es zum Beispiel um Einkaufsmöglichkeiten etc. ging. Am nächsten Morgen saß - wie versprochen - Alexey überpünktlich vor meiner Tür und ich kam erst einmal - typisch undeutsch - ein paar Minuten zu spät die Treppen runter geflitzt, bevor wir uns auf den Weg zum Lyzeum machten.

 

Das Lyzeum machte gleich zu Beginn einen sehr guten Eindruck auf mich. Es liegt fußläufig etwa 20 Minuten von der Innenstadt entfernt. Abgesehen davon, befinden sich in der Straße des Lyzeums zahlreiche Cafés, Restaurants, Bäcker und all sowas. Ich werde noch im Schulflur von dem Direktor der Schule, Dyachkov, Sergey, begrüßt. Der Direktor, und auch all die anderen Lehrer, die ich in den ersten Minuten schon kennen lernte, sind sehr, sehr freundlich, hilfsbereit, nett und geben mir das Gefühl äußerst willkommen zu sein. Alexey lies mich nicht allein und übersetzte fleißig. Und dann ging es auch schon los.

 

Nachdem mir Nastja, eine Schülerin der 11.ten Klasse, noch am ersten Tag den Weg in die Innenstadt zeigte und mich zu einigen wichtigen Sehenswürdigkeiten führte (dazu in einem anderen Blogeintrag mehr), lernte ich in den kommenden Tagen die Schüler von der 5.ten bis zur 11.ten Klasse, á la Speed Dating kennen. Sie erzählten mir der Reihe nach, wie sie heißen, wie alt sie sind und welche Hobbys sie haben. Und ich erzählte – ganz spontan – sehr viel (das fiel mir noch nie sonderlich schwer). Ich berichtete also eben Gleiches von mir und ergänzte noch ein ‚paar‘ Details aus meiner unglaublich ‚langjährigen‘ Lebensgeschichte z.B. dass ich mit knapp 18 von Magdeburg (ehemals DDR und Ostdeutschland: „Kennt ihr die DDR?“) nach München („Die Hauptstadt von Bayern, dem größten Bundesland von Deutschlands.“) gezogen bin, und was ich studiert habe, und wie das Studium für mich war, und dass ich in einer WG gewohnt habe (erkläre nebenbei noch was eine WG ist), und dass ich im Olympiapark joggen gegangen bin, und dass ich meine Freunde gern zum Café treffe oder zum Spätzlekochen („ein typisches Gericht aus Baden-Württemberg“) …nun gut. Um es kurz zu fassen: den Schülern und mir gingen die Themen nicht aus. Sie konnten mich alles fragen was sie mochten. Da ich mich aber noch gut an meine Schulzeit zurückerinnern kann und genau weiß, wie das war, wenn der Lehrer sagte „Stellt bitte Fragen!“, probierte ich durch mein spontanes Gequassel das Eis ein bisschen zu brechen. Und den Schülern fielen viele Fragen ein. Sie schrieben mir außerdem noch in der ersten Woche eine Liste mit Essen, das ich probieren müsse (was ich mittlerweile auch teilweise habe; aber auch zum Essen folgt ebenso ein Blogeintrag), welche ich zukünftig immer in meinem Kalender bei mir trug und trage um das gegessene Essen abhacken zu können (so viel schon vorneweg: ich wurde noch nie enttäuscht). Zusätzlich gaben sie mir Reisetipps etc. Wir plauderten einfach etwas.

 

Soviel zu meiner ersten Woche an der Schule (die nun auch plötzlich schon wieder eine ganze Weile zurück liegt).

Ich fühlte mich vom ersten Tag an sehr wohl. Die Schüler habe ich ganz bald tief ins Herz geschlossen und das Unterrichten in den darauf folgenden Wochen bereitete und bereitet mir große Freude. Die Lehrer der Schule sind prima. Natürlich habe ich mehr mit den Deutschlehrern zu tun. Tatiana Chepurna und auch die anderen beiden Deutschlehrer nehmen sich immer Zeit für interessante Gespräche (auch abgesehen vom Thema ‚Schule‘), helfen mir bei allem, wirklich allem (auch einer leeren Uhrbatterie), geben mir sämtliche Freiheiten hinsichtlich des Unterrichtens (dazu eventuell auch nochmal mehr in einem anderen Blogeintrag) und sind einfach toll. 

 

Ich hätte mit einer Schule nicht mehr Glück haben können, als ich es mit dem Lyzeum an der Karazin-Universität habe. 

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"Sabrina, stop learning Ukrain. Learn Russian."

Ankunft in Kiew und bewundernswerte Jugendliche

 

Auf geht’s! Die letzte Woche war ein Gefühls-auf-und-ab. Nachdem die von Sara organisierte, für mich absolut überraschende Überraschungsparty, mir Tränen und Lachen ins Gesicht zauberte und auch sonst die letzten Tage von dem ‚Was-hast-du-nur-für-ein-Glück-mit-so-unfassbar-tollen-Freunden‘ Gefühl geprägt waren, saß ich nun mit Joana und Judith in deren Auto auf dem Weg zum Flughafen. Ich schrieb noch schnell dem Hostel eine Mail, ob sie mir bitte ein Taxi zum Flughafen schicken könnten und wollte dann einfach nur noch die Minuten mit Joana und Judith ganz bewusst wahrnehmen. Das klappte eher so semi gut. Meine Gedanken schweiften ständig ab. 

 

„Jetzt wird es also ernst. Du stehst hier mit deinem Kuscheltier auf dem Rucksack gebunden und einem auseinanderfallenden Bagel, den du essen sollst, weil du „sonst Bauchschmerzen kriegst, wenn du nichts Richtiges mehr isst“ und wirst gleich in dieses ukrainische Flugzeug steigen und bis nach Kiew fliegen.“

 

-       Fliegen sie vielleicht nicht unbedingt mit ukrainischen Airlines. -

 

In diesem Moment dachte ich an die vielen – wie ich bis dato noch dachte vermutlich - hilfreichen Tipps, die ich vor der Reise bekommen hatte. In diesem Moment. So 45 Minuten vor Abflug. Nun gut, im umsetzen von Tipps bin ich kein Experte. Aber es sollte sich herausstellen, dass dies am Ende auch nur halb so schlimm ist.

 

Also zurück zum Geschehen. Es gab noch ein paar Tränen und ich machte Bekanntschaft, mit einem Ehepaar, das auf dem Weg nach Istanbul war und nicht so ganz nachvollziehen konnte, warum ich in die Ukraine fliegen wolle. Damit hatte ich ja nun Erfahrungen. Sie waren nicht die Ersten und sollten nicht die Letzten sein. Im Flugzeug stieg die Aufregung. Die Zeit verging – was ein schlechter Witz – „wie im Flug“. Ich las ukrainische Literatur und schaute gespannt aus dem Fenster. Es gab ein bisschen Aufregung, weil wir zu spät dran waren. Die Flugbegleiter gingen umher und fragten die Passagiere, welche Anschlussflüge sie von Kiew benötigten. Fast jeder antwortete, die Flugbegleiterin notierte. Dann stoppte sie bei mir: 

 

„What’s next?“

 

„No. Sorry. I will be in Kiew.“

 

„Yes. Of course. But what’s next?“

 

Der Passagier neben mir übersetzte ihr Englisch ins Englische:

 

„She wants to know, which flight do you need, when we will arive in Kiew.“

 

„Yes. Thank you. But I stay in Kiew. I don’t need a next flight.“

 

Die Überraschung war nicht nur bei der ganzen Reihe, sondern auch bei mir groß. Daran, dass meine Freunde, Familie und alle diese wunderbaren Menschen ihre Sorge äußerten, hatte ich mich gewöhnt. Dass sich nun jedoch auch in den Gesichtern dieser fremden Menschen, die vielleicht gerade auf dem Weg in die Türkei waren (was ja jetzt momentan auch nicht so das non plus ultra Reiseland ist, wenn man die politische Situation betrachtet) eine deutliche Überraschung, ja fast schon ein Missverstehen spiegelt, verblüfft mich.

 

Was ist denn nur los? Ist es denn wirklich so ungewöhnlich das größte Land Europas mit einer so spannenden Geschichte zu besuchen? Ein Land, über welches natürlich gerade auf Grund der besonderen politischen Situation in den Nachrichten berichtet wird. Aber auch ein sehr schönes Land. Ein Land mit vielen tollen Städten wie Lemberg, Odessa, Kiew, Nipro, Czernowitz oder Charkiw. Ein Land am Schwarzen Meer. Ein Land mit großen Gebirge; den Karpaten. Ein Land zwischen Europa und Russland. Ein Land über dessen Kultur ich selbst bis dato so wenig weiß. 

 

In jedem Fall ein sehr spannendes Land, was ich unbedingt kennen lernen möchte. Und jetzt auch werde.

 

Wir landeten. Alle Passagiere hetzten aus dem Flugzeug. Ich betrat - etwas vorsichtig -  kalten und windigen ukrainischen Boden. „Wird schon!“ Ich machte mich mit dem Koffer auf den Weg zur Wechselstube.

 

-       Denkt daran immer schon vorher ein bisschen Geld zu wechseln. -

 

Es klappte auch so ganz gut. Und dann rannte da durch den Flughafen ein Junge mit Tablet PC und wand all den anderen Menschen einen schwarzen Bildschirm zu (die neue Technik bringt viele Vorteile, in diesem Fall hätte uns aber vielleicht ein einfaches Schild mit meinem Namen drauf den Start etwas erleichtert). Nachdem dann nicht nur jeder der Flughafengäste, sondern auch der Taxifahrer selbst bemerkte, dass sein Tablet sich auf ‚Verriegelung‘ geschaltet hatte, fanden wir uns und es sollte weiter gehen.

 

-       Lernt ein paar Worte in der Landessprache.

 

„I don’t speak Ukrain. I’m so sorry.“  Es war mir so unfassbar unangenehm. Ich bereute meine schlecht ausgebaute Tippumsatzfähigkeit. Ich hatte es noch im Flugzeug probiert (eh schon viel zu spät, wenn wir mal ganz ehrlich sind), aber die Aufregung war zu groß. Ich konnte mir kein Wort mehr merken. „Dieses Ukrainisch ist jetzt auch nicht so die einfachste Sprache“ dachte ich mir, schlug den Sprachteil des Reiseführers wieder zu und beschäftigte mich mit dem Geschichtlichen.

 

„No  Problem. I can speak a little bit English.“

 

Nach diesem Satz brasselte es nur so aus mir heraus. Ich erzählte ihm alles. Wie aufgeregt und froh ich sei, jetzt hier zu sein und vieles mehr. Er lachte. Gott sei Dank! Hätte ja auch sein können, dass ich ihm damit dolle auf die Nerven falle.

 

-       Du solltest nicht unbedingt russisch mit den Menschen dort sprechen. -

 

Ich wollte unbedingt Ukrainisch lernen. Mein erstes Wort sollte „Hallo“ werden. Ich konnte das auf Russisch. Und ich konnte auch auf Russisch sagen, wie ich heißen und fragen, wie der andere heißt (zwar mega schlecht ausgesprochen, aber immerhin mehr als auf Ukrainisch). Also übersetzte Igor fleißig. Und Igor übersetzte fleißig immer in zwei Sprachen. Und Igor übersetze immer zuerst ins Russische und dann ins Ukrainische. „Ach dahin mit diesen Tipps“, dachte ich mir und plauderte auf Russisch über meinen Namen (und das war’s dann auch schon). Igor freute sich und es war der Beginn unserer Taxifreundschaft. Ich erzählte Igor, dass ich dachte, ich solle vielleicht besser ukrainisch als russisch sprechen. Igor machte deutlich, dass er das für Quatsch hielt: „Sabrina, stop learning ukrain. Learn russian. It’s better and easier to learn.“ Na gut. Das mit dem „easier“ glaubte ich noch nicht so ganz. Verwundert war ich jetzt aber schon etwas. Und das merkte auch Igor. Schließlich erklärte er mir ein bisschen, wie er die ganze Sache sehe. Er sprach davon, dass die Ukrainer im Herzen mit den Russen doch eins seien, und sich nur die Politik nicht so ganz einig werden könne. Und er erklärte ein bisschen über die Geschichte. Und da schloss ich mich an und erzählte das, was ich über die Geschichte zuvor nun so gelesen hatte. Und das freute Igor sehr. Mein Interesse an der Geschichte zeige ihm, dass ich wirklich interessiert an der Ukraine sei und er packte aus und brasselte nun auf mich ein. Ich bekam erste Essensempfehlungen und Hinweise, was ich unbedingt sehen müsse. Ganz bald verstand ich, das Kiew - natürlich! – „die schönste Stadt der Welt sei“. Igor ist hier geboren und wird auch hier sterben. Ich lauschte ihm gespannt. Und schaute ebenso gespannt auf die Straßen. Igor schaute gespannt auf die Uhr. Er knirschte kurz mit den Zähnen, erklärte mir, dass er sich noch etwas Zeit nehme und mir Kiew mit dem Taxi bei Nacht zeigen würde, wenn ich wollte. Was für eine Frage?! Also fuhren wir mit dem Taxi bei Nacht durch Kiew. Diese wunderschöne Stadt, die auch mich gleich faszinierte. Durch den Dnepr, dem drittgrößten Fluss in Europa, wird Kiew geteilt. Ich wurde als bald in den Bann dieser Metropole gerissen. Igor fuhr mit mir durch viel hell beleuchtete Straßen, in denen sich ein Dutzend Cafés und Bars fanden und viele, viele Menschen. Wir fuhren außerdem an prächtigen Gebäuden vorbei und sprachen noch über dies und das z.B. wo ich am nächsten Tag joggen gehen könne (nämlich am Ufer des Dneprs). Schließlich kamen wir am Hostel an und Igor wollte erst gar kein Geld haben. Die Menschen an der Rezeption des Hostels freuten sich sehr und sprangen mir um den Hals. Wir plauderten. Sie fragten, warum ich in der Ukraine sei und zeigten mir mein Zimmer. Am nächsten Morgen schrieben sie mir den Weg zur Metro auf. Den ich natürlich dennoch nicht fand. Auf der Straße halfen mir Mutter und Tochter. Doch da ihr Englisch nicht das Beste war und mein Russisch von Igor nicht ausreichte um zu verstehen, wo ich hin müsse, hatten wir ein kleines Problem, was kein Problem sein sollte. Die beiden gingen mit mir einen Fußweg von fast 10 Minuten und brachten mich zurück zur Metro, wo sie gerade her kamen.

 

-       Die Ukrainer sind zu Beginn eventuell alle etwas kühl und unfreundlich. Daran muss man sich gewöhnen. -

 

Ich hatte bis dato drei wirkliche Kontakte zu den Menschen hier gehabt. Und wurde drei Mal von einer Freundlichkeit überwältigt, die meine ersten Eindrücke in diesem mir so fremden Land, ganz wunderbar machten. In den kommenden Tagen durfte ich an einem sehr spannenden Seminar teilnehmen, über welches ich an dieser Stelle bereits berichtete.

 

Nach dem Seminar am Samstag machte ich mich mit Benjamin und Rebekka noch auf den Weg zu einigen Sehenswürdigkeiten. Wir besuchten das Goldene Tor, fuhren zum Majdan und gingen in Podil (einem wie ich finde sehr schönem Viertel) etwas essen. Auf dem Majdan war eine – es lässt sich kein richtiges Wort dafür finden – ‚interessante‘ Stimmung. Dort sahen wir auf großen Leinwandporträts Soldaten und Soldatinnen mit Gewähren. Ein Junge verkaufte Armbänder in den Landesfarben, mit dessen Erlös ein Krankenhaus für Opfer des Krieges unterstützt werden sollte, wenn ich das richtig verstand. Ein paar Meter weiter gab es lustige Attraktionen mit hängenden Leitern, die man versuchen könne hoch zu klettern und ein bisschen Musik mit Menschen, die dazu tanzten. Die gesamte Straße wurde von Lautsprechern beschallt. Was gesprochen wurde, konnte ich leider nicht verstehen. Es war alles in allem etwas – sagen wir - konfus.

 

Am nächsten Morgen ging ich wie geplant am Ufer des Dnepr joggen und lies mich zum Abschied, bevor es mit dem Zug weiter nach Charkiw gehen sollte, von einem Sonnenaufgang über Kiew verzaubern.

 

Und zum Abschied noch ein kleiner Tipp von mir: „Sei einfach du selbst.“

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"Ohne Geschichte können wir nicht weiter gehen."

Am Wochenende vom 14.Oktober bis 16.Oktober fand in Kiew ein äußerst spannendes Seminar im Zuge eines Jugendaustauschs zwischen Deutschland, Ungarn und der Ukraine statt. Es bestand im Vorfeld die Möglichkeit sich für das Programm zu bewerben, indem die Jugendlichen in deutscher Sprache einen Aufsatz über die besondere Geschichte ihrer Familie schrieben. Und nun sitzen sie hier. Sieben junge Mädchen, die im November die Gedenkstätte Bergen-Belsen besuchen werden. Sieben junge Mädchen, die es kaum erwarten können, nach Deutschland zu fahren und sich dort mit Jugendlichen aus Deutschland und Ungarn auszutauschen.

 

Schon in Kiew lernen sie viel über den geschichtsträchtigen Ort Bergen-Belsen. Rebekka und Benjamin, die beiden Leiter des Seminars, die die Jugendlichen auch in Bergen-Belsen begleiten werden, zeigen ein großes Engagement und vermitteln in verständlicher deutscher Sprache das, was eigentlich nicht zu verstehen ist. Sie zeigen mit viel Einfühlungsvermögen Aspekte des Geschehens auf und sensibilisieren die Jugendlichen für das kommende Treffen. Dabei hat die Gruppe immer wieder die Möglichkeit nachzufragen oder das Seminar durch eigene Beiträge zu bereichern. Es werden Plakate gestaltet, Bilder analysiert und Murmelgruppen, die den Austausch über die Familienschicksale erleichtern, gebildet. Doch nicht nur das: die Jugendlichen bekommen zudem das nötige 'Werkzeug' mit an die Hand, welches sie nutzen können, um mit ihren Familienmitgliedern Interviews zu führen, denn die Geschichte der Familie steht im Fokus des Projekts.

 

Ein Projekt, das begeistert. Doch nicht nur Rebekka und Benjamin überzeugen durch ihr didaktisches Geschick. Insbesondere die Jugendlichen, die ihr Wissen über den zweiten Weltkrieg vertiefen, die verstehen, worin der Unterschied zwischen Sinti und Roma besteht, Geschichten wie jene von Yvonne Koch und ihren Handschuhen kennen lernen oder über Grausamkeiten wie Vergasung, Massenerschießung und so viel mehr informiert werden, beeindrucken durch ihre sprachlichen Fähigkeiten.

 

Deutsch ist für sie zwar eine Fremd-, aber sicher keine fremde Sprache. Eine Sprache, in der sie fähig sind sich über Geschichte, Politik und Moral auszutauschen. Und nicht zuletzt eine Sprache, die den kulturellen Austausch zwischen den Jugendlichen ermöglicht. 

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Das "Last-Minute" Auslandspraktikum

Es ist Mitte Oktober. Die vergangenen Monate – ja eigentlich nahezu fast das ganze Jahr 2016 - war hauptsächlich von einem allumfassenden Thema geprägt: dem Staatsexamen. Es galt die Zulassungsarbeit zuschreiben und – in meinem Fall – auf irgendeinem Weg die Prüfungen in Schulpädagogik, Soziologie, Politik und in den Didaktiken der Fächer Sozialkunde, Deutsch, Geschichte und Kunst zu ‚überleben’. Die Tage waren kurz. Die Nächte lang. Die Bibliothek meine neue Heimat. Ich hatte wenig Zeit für anderes. Samstags und auch ab und an unter der Woche noch ein bisschen jobben (in München lebt es sich ja nicht gerade für lau) und bei Zeiten noch die Heimreise in meine Heimatstadt Magdeburg einplanen (das Leben von Familie und Freunden dort geht schließlich weiter, sie werden 50, kriegen Kinder, wechseln Jobstellen oder Beenden ihre Studiengänge etc.). Nun gut. Es gab jedenfalls – wenn man so sagen möchte – genügend Beschäftigung und wenig Langeweile. 

 

Wenn ich dann aber mit Café und Schnitte vor der Bibliothek saß und gerade mal nicht darüber nachdachte in letzter Minute doch noch alles hinzuschmeißen, drängte sich immer wieder diese eine Frage auf: Was machst du danach? 

 Durch das Lehramtsstudium hat man an und für sich das Glück (oder auch Pech; wie man’s nimmt) eigentlich ungefähr zu wissen, welcher spätere Beruf damit angestrebt wird (ganz abgesehen davon, dass es auch weitaus andere Möglichkeiten gibt). Gerade in den letzten Jahren hatte ich wenig Zweifel daran, den richtigen Studiengang gewählt zu haben. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen macht mich glücklich und mein Leben schöner. Ich wusste also, dass ich auch nach meinem Studium unbedingt dieser Tätigkeit nachkommen wollte. Ich hatte einen neuen ‚guten‘ Grund (jeder kennt sie wohl: diese ‚guten‘ Gründe) die Lernsachen einmal kurz zur Seite zu legen und im großen World Wide Web auf die Suche nach Möglichkeiten für ein Praktikum zu gehen. Am besten als Lehrer. Am liebsten im Ausland.

 

Meine Voraussetzungen waren nicht die Besten: ich bin keine schlechte Studentin, aber gehöre auch nicht zu jenen, die ausschließlich 1er schreiben. Neben dem Studium habe ich anstatt häufiger in das ein oder andere Buch zu schauen, eher noch zwei Jahre mit meiner lieben Freundin Judith beim Projekt ‚Schule für Alle’ mitgearbeitet und auch sonst probiert so viel wie möglich Praxiserfahrungen zu sammeln. Natürlich hätte ich sicherlich auch sonst verschiedene Zeitfenster häufiger in den 6 Jahren für einen ‚Bibtag’ nutzen können, aber ich bin ein sehr geselliger Mensch. Ich brauche meine Freunde um mich herum. Brauche ein WG-Abendessen mit so viel Spätzle, dass mir der Bauch platzt, ein ‚Ich-analysiere-bis-ins-kleinste-Detail‘ Gespräch an der Isar, das dahin fliehende Zeitgefühl, wenn man einmal mehr im Café verweilt, einen Theaterabend, oder zwei, drei, vier und all sowas. 

 

Aber zurück zum Thema. ‚Schule für Alle’. Judith. Ausland.

Judith, die ich 2012 über das Projekt kennenlernte machte so ziemlich all das, was ich mir immer gewünscht hatte. Nachdem Abi ging sie nach Frankreich und arbeitete als AuPair und während unserer Freundschaft lauschte ich dann immer wieder spannenden Geschichten von ihren erneuten Auslandserfahrungen: hier als Fremdsprachenassistentin in Beauvais (ein Ort mit einer sehr schönen Kirche), da Erasmus in Bordeaux und zum Schluss dann noch ein SCHULWÄRTS! Praktikum in Istanbul. Es war toll. Ich war begeistert. Ich hätte ihr Stunden zuhören können. 

 

Ich bin kein neidischer Mensch. Ich erfreue mich über jede tolle Erfahrung, die meine Freunde machen sehr. Doch das kleine Mädchen in mir dachte sich: „DAS WILL ICH AUCH. JETZT. GLEICH. SOFORT.“ Das kleine Mädchen hatte dabei nur eine Sache übersehen: Judith spricht ein 1A Französisch und studiert es auch. Und Sprachkenntnisse sind für einen Auslandsaufenthalt von Vorteil. Hab ich gehört. Das mit der Fremdsprachenassistenz klappte nicht. Was nun? „Was war das nochmal in Istanbul? Du sprichst doch kein türkisch?“ Judith ist wirklich für viele Überraschungen gut, aber irgendwann ist dann auch mal Ende im Gelände. Sie erklärte mir also, wie das mit Goethe und SCHULWÄRTS! so ablaufen könnte.

 

Irgendwie hatte ich mich in all dem WirrWarr von Staatsexamen und Co, zwischendurch noch für ein Auslandsjahr in Namibia beworben. Und nachdem alles so aussah, als würde das wirklich klappen, habe ich mögliche Ausreisevorhaben erstmal  hinten angestellt und mich wieder mehr auf das Examen konzentriert. Bei einem Besuch in Magdeburg erzählte ich meiner Freundin Victoria - neuerdings treffen wir uns von Zeit zu Zeit zwischen Babybrei und Trinkflasche – dass ich mir durchaus vorstellen könnte, wenn ich aus Namibia zurück bin, nochmal ins Ausland zu gehen. Die Ukraine. Oder so.

Es gab Unterstützung, aber wenig Verständnis.

„Du sprichst doch gar kein russisch.“ hatte sie gesagt.

„Außerdem ist dort doch Krieg.“ hatte sie gesagt.

„Ich habe dich lieb, aber manchmal bist du doch ein bisschen komisch.“ hatte sie gesagt.

Und damit war das Thema auch eigentlich erstmal vom Tisch und wir widmeten uns Kinderbüchern. Und da ist er wieder. So einer dieser Momente: Das bin noch nicht ich. Ich will noch so viel erleben. Kinder? Ja! Familie? Ja! Aber bitte erstmal die Welt.

 

Der Gedanke ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich suchte nach dutzenden Möglichkeiten, um auf einem weiteren Weg ins Ausland gehen zu können. Nach so einem ‚Ich-analysiere-bis-ins-Detail‘-Gespräch mit Joana war dann auch klar, dass AuPair oder Work and Travel in Australien, zwar ganz tolle Projekte sind, ich aber dennoch gerne schon als Lehrerin arbeiten oder zumindest in der Schule tätig sein wollte. Aber wie?

 

Und dann kam sie wie ein Schicksalsbote in mein Postfach geflattert. Die Mail mit dem Betreff ‚Last-Minute-Auslandspraktikum’ in Zusammenarbeit mit dem Projekt SCHULWÄRTS! Vom Goethe Institut (davon hatte ich ja schon gehört). Ich hatte nicht viel Zeit zum überlegen (aus oben beschriebenen Gründen). Erstmal bewerben. Dann sehen, was passiert. Und dann passierte alles schneller als gedacht. Bewerbung. Zack. Vorstellungsgespräch. Zack. Ein Wochenende voller Überlegungen zu Unterrichtskonzepten. Zack. Zusage. Zack. Fassungslose Freude. Zack. Ausreiseseminar. Zack. Ukraine. 

 

Ukraine also. Ich rief meine Eltern noch während des Seminars an. Mein Papa versuchte noch in letzter Minute alles einzuwerfen, um mich davon abzuhalten. Erfolglos. Die Reaktion, wenn ich erzählte, dass es in die Ukraine gehen würde, waren eher – sagen wir, um es schön auszudrücken – verhalten. 

„Wieso jetzt Ukraine?“

„Was ist mir Russland?“

„Wohin genau? Aber das ist doch gleich da, wo der Krieg ist!“

Krieg. Krieg. Krieg.

Ein Wort, was ich immer wieder hörte. Wenn mein Handy blinkte, waren es nahezu bei jedem dritten Mal wieder irgendwelche von vor zwei Jahren hervorgekramten Zeitungsartikel, die den Menschen in Deutschland die Situation in der Ukraine erklärten.

„Danke. Habe ich schon gelesen.“ Wurde zu meinem ‚Copy and Paste‘ Satz. 

 

Irgendwann nachdem der ganze Examensprüfungswahnsinn ein bisschen abfiel, saß ich  abends auf dem Balkon. Baumelte mit meinen Beinen von links nach rechts. Sagte nichts. Und Linus verstand alles.

„Sabrinchen. Mach dir keine Sorgen das wird toll, spannend, aufregend und all sowas. Ich beneide dich sogar ein bisschen. Ein Abenteuer. Du fährst in ein Land, das kaum jemand von uns bereist hat oder bereisen wird.“

„Aber die Sprache. Oder wenn doch. Und überhaupt. Krieg?“

Linus sagte nichts, lächelte mich an, nahm mich in den Arm.

Und. Ich. Verstand. Alles. 

 

Auf geht’s also in ein Land, dass kaum jemand bereist hat und über das doch so viele Meinungen existieren. 

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